
Wohin wir gehen…
An den Stammtischen dieser westlichen Welt, am reichlich gedeckten Abendtisch des bürgerlichen Weltverständnisses sowie in den Hochschulzirkeln der Geschichtsphilosophie-Exkursionen herrscht das Bewusstsein vor, Fortschritt wird das Leben eines jeden, der sich in der Arbeit verdingt, zum besseren führen. Wer sich dagegen stellt, wer andere Forderungen erhebt, wie z.B. nach einem bedingungslosen Grundeinkommen, oder die Forderung formuliert, die gesellschaftliche Zukunft nicht mit Freihandelsverträgen á la CETA, TTIP und TiSA (*) mit den eingebauten Schiedsgerichtsbarkeiten und Entmachtungsstrukturen der Parlamente in die Hände der Wirtschaft zu geben, der wird mit Sanktionen auf die richtige Bahn gebracht. Wozu hat die Gesellschaft schließlich ein Jobcenter?
Für das Fortschreiten des Fortschritts sorgt schon die Parteien-Demokratie, notfalls bringt die Partei mit Konvent-Treffen die Mitglieder zur Zustimmung von Luftnummern á la CETA-Zusatzerklärungen. Und mit dem Janusgesicht der nachhaltigen Wirtschaft verwirrend die Begriffsbesetzung und Deutungshoheit nutzend, was nachhaltig zu sein hat, den Zweifler an dieser Botschaft zur Räson!
(*) Aus der Feder der Juristen…
Auch der Ansatz eines analysierenden Gedankens ist nicht neu, da schon Walter Benjamin das Hinterfragen der Fortschrittsgläubigkeit zum Kern seines Textes „Über den Begriff der Geschichte“ machte. Für Benjamin ist der Fortschritt in Wahrheit eine Ansammlung von Katastrophen und das Anhäufen eines Trümmerhaufens gesellschaftlicher Systeme – vom Neoliberalismus, den Walter Benjamin als globale Ausbeutung mit einhergehender Zerstörung beschrieb und damit den Blick schon 1940 auf unseren aktuellen globalen Zustand warf – bis hin zum „historischen Materialismus“, der ebenfalls dem Irrtum unterliegt, dass die Geschichte der Menschheit von einer Gesetzmäßigkeit und im determinierten Verlauf bestimmt sei.
Letztlich stellt sich für jeden Menschen in seiner geschichtlichen, subjektiven und von Zufälligkeiten geprägten Sozialisation die Frage, ist Geschichtswissen substanziell und was ist Geschichte überhaupt? Fortschritt oder ungeordnetes Chaos? Ist -im Sinne Benjamins gefragt – Vergangenheit und Zukunft gleichermaßen dynamisch und offen in der Interpretation? Gibt es die Sicherheit eines Narrativs wie: „Wer weiß, woher er kommt, weiß er dann auch, wohin es gehen soll“? Immerhin sind die meisten Geschichtsbücher immer nur eine Ansammlung von erzählenden Berichten aus dem Blickwinkel der Mächtigen und der Sieger. Zumindest ihre Weltsicht muss bekannt sein und vom Leser systemisch eingeordnete werden können, damit eine Einschätzung der
damit verbundenen Botschaften zur Dekonstruktion von Geschichte möglich wird.
Dank Walter Benjamin wird ersichtlich, dass das lineare Fortschrittsdenken kaum erklären kann, warum jederzeit und zu jedem Zeitpunkt der Menschheit ein Rückfall in die Barbarei und die Ausbeutung der neoliberalen Weltsystematik mit den Folgen der Ausbreitung des Elends in der Welt weiterhin möglich und wirksam ist. Welterleben, Weltverstehen und Weltfüllen sind von Ungleichzeitigkeit geprägt und entlassen den Menschen nicht aus seiner Notwendigkeit, jene entgegen zu treten, die das „gute Leben für alle“ durch Kriege, Barbarei und Egoismus verhindern und die Menschenrechte (* *) aushebeln.
[(**) siehe auch das unsägliche TV-Spiel „Terror“, in dem die Menschenrechte und das Grundgesetz außer Kraft gesetzt werden sollen – Schwächen der Weimarer Republik-Verfassung sollen wieder hoffähig gemacht werden!] Dazu ein lesenswerter Artikel hier!

Ohne Titel
„Die Geschichte ist Gegenstand einer Konstruktion, deren Ort nicht die homogene und leere Zeit sondern die von Jetztzeit erfüllte bildet.“ (GS I, Abschnitt Über den Begriff der Geschichte, XIV – Walter Benjamin) Zum Denken gehört nicht nur die Bewegung der Gedanken sondern ebenso ihre Stillstellung. Wo das Denken in einer von Spannungen gesättigten Konstellation plötzlich einhält, da erteilt es derselben einen (S)Chock, durch den es sich als Monade kristallisiert. Der historische Materialist geht an einen geschichtlichen Gegenstand einzig und allein da heran, wo er ihm als Monade entgegentritt. In dieser Struktur erkennt er das Zeichen einer messianischen Stillstellung des Geschehens, anders gesagt, einer revolutionären Chance im Kampfe für die unterdrückte Vergangenheit. Er nimmt sie wahr, um eine bestimmte Epoche aus dem homogenen Verlauf der Geschichte herauszusprengen; so sprengt er ein bestimmtes Leben aus der Epoche, so ein bestimmtes Werk aus dem Lebenswerk. Der Ertrag seines Verfahrens besteht darin, daß im Werk das Lebenswerk, im Lebenswerk die Epoche und in der Epoche der gesamte Geschichtsverlauf aufbewahrt ist und aufgehoben. Die nahrhafte Frucht des historisch Begriffenen hat die Zeit als den kostbaren, aber des Geschmacks entratenden Samen in ihrem Innern. (GS I, Abschnitt Über den Begriff der Geschichte, XVII)
Auf den Begriff einer Gegenwart, die nicht Übergang ist sondern in der die Zeit einsteht und zum Stillstand gekommen ist, kann der historische Materialist nicht verzichten. Denn dieser Begriff definiert eben die Gegenwart, in der er für seine Person Geschichte schreibt. Der Historismus stellt das >ewige< Bild der Vergangenheit, der historische Materialist eine Erfahrung mit ihr, die einzig da steht. Er überläßt es andern, bei der Hure >Es war einmal< im Bordell des Historismus sich auszugeben. Er bleibt seiner Kräfte Herr: Manns genug, das Kontinuum der Geschichte aufzusprengen. (GS I, Abschnitt Über den Begriff der Geschichte, XVI)
„Der Begriff des Fortschritts ist in der Idee der Katastrophe zu fundieren. Daß es ‚so weiter‘ geht, ist die Katastrophe. Sie ist nicht das jeweils Bevorstehende sondern das jeweils Gegebene. “ (GS V, S. 592)
Wahrheit tritt nie in eine Relation und insbesondere in keine intentionale. Der Gegenstand der Erkenntnis als ein in der Begriffsintention bestimmter ist nicht die Wahrheit. Die Wahrheit ist ein aus Ideen gebildetes intentionsloses Sein. Das ihr gemäße Verhalten ist demnach nicht ein Meinen im Erkennen, sondern ein in sie Eingehen und Verschwinden. Die Wahrheit ist der Tod der Intention.“ (Ursprung des deutschen Trauerspiels, GS I, S. 216)
Wo ich herkomme, kann nicht alleine mit der Leere angesammelter Fakten bestimmt werden, sondern ist immer auch dem Brennglas von Menschenrecht, Freiheit, Gerechtigkeit, Mitbestimmung, mehr Demokratie und Friedenserhalt unterworfen. Eine Wissenschaft, die nicht neutral, sondern als Dienstmagd der Drittmittel-Verdingung agiert, hat das Recht verwirkt, dass ihre Ergebnisse zur Grundlage von politischen Entscheidungen gemacht werden . Sie muss allerdings ihrer verheerenden Wirkung gegen die o.g. Brennglas-Eigenschaften wegen durchaus ernstgenommen werden.
Version vom 21. April 2017