
Der User hat’s gut: Er kann sich seine Internetseiten aussuchen, die ihn nicht gefangen nehmen und propagandistisch vereinnahmen.
Es gibt jedoch Leute, die wollen lieber einen Stehplatz im vollbesetzten Vorraum zur ersten Klasse als einen Sitzplatz in der dritten.
Und wenn nichts mehr hilft, bleibt noch: Die Basis einer gesunden Lebenseinstellung ist ein großer Papierkorb.
Kennen Sie das auch, dass immer wieder mal ein Mensch über mehrere Jahrzehnte den eigenen Lebensweg kreuzt und die Erinnerung an diesen Menschen mit positiven Bildern besetzt war? Dann lesen Sie einen Blogbeitrag dieser Person – sich selbst darstellend als „authentische“ Person linker Provenienz sowie durch und durch freiheitlich denkend – auf einer dubiosen Seite, die nicht selten Beiträge enthält mit islamophobem und rassistischem Zungenschlag, ergänzt vom neoliberalen Weltbild und der Zustimmung zur Privatisierung und dem Abbau des Sozialstaates.
In einem privaten und persönlichen Brief bringt der Freund seine Besorgnis über die beobachtete Veränderung zur Sprache und hinterfragt die Einschätzung und Motivation für die Weltsichtveränderung. Als Freund durchaus legal und verständlich. Der geschichtliche Hintergrund, auf dem der Disput dann entstand, ist das Jahr 2016 und die Merkel´sche Aussage: „Wir schaffen das“. Das Angebot zum Dialog und Diskurs ist freundlich und positiv formuliert und signalisiert Offenheit. Der Bezug zu einem Text von Albert Camus („Die Krise des Menschen“, 1946) soll einen Ansatz dazu ermöglichen. Die Inhalte des Bezugstextes lauten: Wir leben permanent in einer Krise. Das Gesprächsangebot mit dem Hinweis auf Camus erfolgte vor 10 Jahren und war, so wie heute – 2026 – ebenso aktuell, wie es zur direkten Nachkriegszeit bei Albert Camus war.
Die Symptome dafür sind folgende:
1) Kein Europäer ist heute mehr seiner unmittelbaren Zukunft sicher. Begleitet wird dies von der Tatsache, dass kaum noch ein Mensch beurteilt und honoriert wird, der die Menschenwürde als Kompass für sein Denken und Handeln beachtet. Die einzige Akzeptanz und der einzige Maßstab, positiv beurteilt zu werden, basiert nur noch auf wirtschaftlichen Erfolg und Reichtum – egal wie dieser erreicht wurde!
2) Heute sind zu viele Menschen nicht mehr von der Notwendigkeit der Menschenfreundlichkeit überzeugt. Wenn man miteinander kommuniziert, dann kann man nicht mehr sicher sein, dass die Erwartung zutrifft, tatsächlich auch menschlich eine gleichwertige Gegenreaktion zu erhalten. Die Pervertierung der Wertmaßstäbe schreitet dagegen voran und wird als neue „Normalität“ bejaht. Egomanen haben Dauer-Party-Stimmung.
3) Die Ausweitung der Bürokratie auf allen Ebenen bedeutet, dass die menschliche Wärme sich verflüchtigt hat und dass immer mehr Menschen in die Einsamkeit gestoßen werden.
4) Es geschieht fortlaufend, dass menschenfreundliches Miteinander durch das gesinnungsgleiche Handeln des „Recht des Stärkeren“ ersetzt wird. Es zählt nicht mehr die Vermeidung von Leid, sondern nur noch, ob der egoistischen Weltanschauung zum Sieg verholfen wird.
5) Der moderne Mensch kann sich nicht mehr verständigen, weil die gemeinsamen Wertbegriffe fehlen und weil die Wertschätzung für die Mitmenschen fehlt, die sich auf die Menschenwürde stützen. Übrig bleibt zu oft nur die Wahl: Opfer oder Täter zu sein.
Erwähnt wurde auch im Gesprächsangebot an den abgedrifteten Bekannten, dass Albert Camus als Autor die Lösung aus diesem Dilemma wie folgt sah – und dieser Ansatz ebenso wieder hoch aktuell ist:
Wir Menschen müssen unsere Welt von der Angst befreien, die überall das Denken beherrscht, welches wiederum den bisher unsichtbaren Terror einführt, nämlich, dass die Inhaber der politischen Macht alles kontrollieren und das Denken überwachen wollen.
Deshalb muss die Politik zurückverwiesen werden auf ihren Platz in die 2. Reihe. Denn Politiker dürfen sich nicht anmaßen, uns mit einer kompletten Weltanschauung zu überziehen oder mit Gesetzen, die das Private reglementieren sollen, vom Liebesleben bis zum Rauchverbot! Regeln sind notwendig, damit das Zusammenleben organisiert werden kann.
Die Freiheit, die es zu gewinnen gilt, ist die Freiheit, Lügen aufzudecken, Verantwortung einzufordern von jenen, die den Staat zur Kontrolle und Überwachung einsetzen, blinden Gehorsam und Patriotismus verlangen und ihre Ideologien verbreiten. Denn diese sind die eigentlichen Feinde des würdevollen Daseins.
Statt einer erhofften Antwort wird der Dialog verweigert, und auf den Bezugstext als Ausgangsebene wird nicht eingegangen.
Stattdessen wird in Texthülsen wie „stümperhafte Laienpredigt“, „unwürdig eines wanderpredigenden Schlangenölverkäufers im Wilden Westen“, „triefend vor besserwisserischem Anspruch auf moralische Überlegenheit“ geantwortet. Dieses Feedback sei
eine einmalige Antwort und damit für den sich verweigernden Angesprochen endgültig erledigt.
Die Selbsttäuschung ist jedoch bei der Person aktiv, weil jenes „endgültig erledigt“ nicht eingehalten wird. Stattdessen wird die Öffentlichkeit jener dubiosen Plattform genutzt und das private und persönliche Schreiben in Auszügen zitiert. In aller Scheinheiligkeit wird an die Narrative der Bloggesinnung und der menschenfeindlichen Weltsicht appelliert, welche ihn und die Mitglieder der Plattform durch das Gesprächsangebot „gefährden“ würden.
Die Bloggesinnung (der AfD) immunisiert sich nicht nur gegen berechtigte Kritik und Diskursangebote, sie assimiliert sie, verschluckt sie unverarbeitet und speit sie – verkehrt in ihr Gegenteil – wieder aus.
Im scheinbar warmen Nestchen einer verblendeten Beifallsrunde auf der Blogplattform sitzen der „Verweigerer“ und seine Spätzchen und piepen vor häuslicher Blog-Zufriedenheit, weil er sich als „Platzhirsch“ bewiesen habe. Anti-depressiv medikamentiert sowie vom eigenen Weltbild komatös verblendet, feiern sich die arme Person und seine Follower selbst. Mögen sie sich weiterhin in Selbsttäuschung versenken. Wenn´s denn hilft in ihrer Not und gemeinsamen Unfähigkeit!
Zwar staunend, aber dennoch temporär irritiert ob dieser Selbst-Täuschungspotentiale, bleibt dem Gesprächsanbieter nur die Erkenntnis: die Anti-Demokraten haben sich wieder aufs hohe Pferd gesetzt und treiben wieder ihr altes Schmutzhandwerk der Vorurteile und Menschenfeindlichkeit, nicht erkennend, dass sie der Propaganda der AfD-Eselei aufgesessen sind.
Manchmal ist der Mensch geneigt nach dem Motto zu verfahren: „De mortuis nil nisi bene“ – nicht nur von den Toten „gut“ zu reden, manchmal auch auf die Lebenden anzuwenden, wenn „Hopfen und Malz“ verloren sind. Die Lebensweisheit rät in solchem Fall, nicht mehr weiter zu insistieren, weil: jedes Wort ist vergebliche Liebesmüh.
Doch das gilt nur, wenn diese Lebenden nicht die Demokratie gefährden! Dann ist es Pflicht, Verhalten und Denken der Anti-Demokraten kritisch prüfend zu analysieren und darüber aufklärend zu reden. (in Anlehnung an Heinrich Heine).





















