Der Spruch der `68-Studentengeneration: „Unter den Talaren, der Muff von tausend Jahren“ stand für eine Bewertung und zugleich für ein Aufbrechen des aus damaliger Sicht traditionell-verankerten personellen Netzwerkes in den Wissenschaften und des aus der Nazi- und Kaiserzeit herübergeretteten und vergifteten Denkens mit den verkrusteten Gesinnungen des Politik- und Wissenschafts-Betriebs.
Es war eine Zeit, in der Bücher wie Mitscherlichs „Die Unfähigkeit zu trauern“ in den Buchregalen erschienen, und der kritischen Aufarbeitung einer nachwirkenden Epoche gewidmet waren. Neben Hannah Arendt ( Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft), Ernst Bloch (Das Prinzip Hoffnung), Theodor W. Adorno und Max Horkheimer (Dialektik der Aufklärung), Jürgen Habermas (Erkenntnis und Interesse) aber auch von Herbert Marcuse (Der eindimensionale Mensch) gerieten diese Werke in den Blick einer neuen Generation, nicht zuletzt, weil sie in Taschenbuch-Versionen erschienenen, die selbst von Primanern an den Gymnasien wegen der niedrigeren Preise erstanden werden konnten.
Neben den Werken der Frankfurter Schule (Horkheimer, Adorno, Habermas) erschienen immer mehr Werke auch der neuen französischen Philosophen von Gilles Deleuze, Jean Baudrillard bis zu Michel Foucault in verfügbaren Auflagen in Deutschland. Ihre Werke in die Erkenntniswelt zu integrieren, zielte auch auf die Kritik der realen Verhältnisse zu Zeiten der ersten großen Koalition (CDU/SPD) Ende der 1960er Jahre.
Die Veränderung der Philosophie hin zur Verknüpfung mit der Soziologie (Oskar Negt) und den Einbezug kulturell- wissenschaftlicher Gebiete wie Sprachwissenschaften, Medienwissenschaften, Kunst, Literatur, Musik aber auch der politischen Ökonomie in eigene philosophische Modelle löste die Beschränkung der philosophischen Ausbildung auf den Kanon der Interpretation alter Klassiker (Platon, Aristoteles) und der Auslegung von „Sinn + Sein“ in den Philosoph-Seminaren ab.
Das Lesen als Primaner Ende der 1960er Jahre oder als Student Anfang der 1970er Jahre war unberührt von den heutigen Formen medialer Aneignung (Youtube, ebook, Hörbücher und Wikipedia). So war die Versenkung in die Gedankenwelt von „Kritischer Theorie“, Poststrukturalismus und den Anfängen der Postmoderne eine gedankliche Abenteuerreise.
Dass zeitgleich eine Befreiung von den verkrusteten Strukturen in der Gesellschaft möglich war, glich auch bei der ´68- Generation die von Begeisterung getragene Hoffnung jeder neuen Generation. Alle gesellschaftlichen Bereiche kultureller und politischer Formen wurden – zwar in Ungleichzeitigkeit durch das Gefälle von Großstadt hin zum Landleben – beeinflusst. Die Bandbreite der Freiheit, neue Wege zu beschreiten, hielt – wie immer in der Geschichte der Menschheit – viele Facetten bereit. Leider auch die der Irrwege (RAF; Drogen, anti- autoritäre Erziehung in den Kitas etc.) und des Mangels an Systematik. Innerhalb des nächsten Jahrzehnts bis Ende der 1970er Jahre verblich die Theorie-Lastigkeit der Erkenntnisgewinnung, die als Basis für eine demokratischere und gerechtere Gesellschaft hätte dienen können. Mit Kohls Kanzlerschaft 1982, ermöglicht durch die Korrumpierbarkeit der FDP um Lambsdorff und Genscher, begann der neoliberale Umbau der Gesellschaft nach Kohls Motto: der „geistig-moralischen Wende“.
Die alten Eliten und Einflusskräfte hatten nach dem ersten Schock der Dynamik der Studentenrevolte ihr Potenzial gesammelt und organisierten ihre Abwehr durch Konservatismus und Einflussnahme auf das Denken der Jugend hinzu reaktionärer Weltsicht. (Opus Dei und nationalistisch-konservative Burschenschaften bis hin zu den alten Nazi-Netzwerken agierten entsprechend heftig und oft genug auch nur im Verborgenen). Die Zerschlagung der Gewerkschaften und die Schwächung der parlamentarischen Demokratie sowie die Privatisierung aller gesellschaftlichen Bereiche bewirkten bis heute einen immer größeren Egoismus und den Verlust der Solidarität.
Adornos „Minima Moralia“ und die modernisierte Form durch Paul-Sailer Wlasists „Minimale Moral“ – eine Streitschrift zu Politik, Gesellschaft und Sprache – haben längst an Einfluss verloren. Die Spaltung der Gesellschaft durch das Auseinanderdriften von Armut und Reichtum ist Ergebnis der verpassten Chancen des langen „Sommers der Theorie“. (Titel des gleichnamigen Buchs von Philipp Felsch). Ob es auch die „Geschichte einer Revolte“ war, mag aus dem Rückblick auf die Zeit von 1960-1990 bezweifelt werden. Seitdem ist die Destruktion in Form despotischer Staaten und Ökonomie weiter ausgedehnt worden. Sowohl an der Spitze der politischen wie der ökonomischen Macht wirken despotische Weltbilder mit den aktuell sichtbaren Formen der Zerstörung (Kriege, Korruption und Machtkonzentration).
Und zum Ende des Jahres 2023, als dieser Text geschrieben wurde, schien der Satz passend zum Zustand der vereinigten Republik zu sein :
Möge das Jahr 2023 „nicht so schlimm werden, wie es schon ist“. (Karl Valentin)
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