Zu ergründen, wie verschieden Menschen mit Ereignissen umgehen, die weltgeschichtlich so ungeheuerliches wie den Holocaust betreffen, das ist meistens nur ein Aufklärungsbedürfnis der Generationen, die das „Glück der späten Geburt“ hatten, sprich nach 1945 geboren wurden! Alexander und Margarete Mitscherlich diagnostizierte in ihrem Werk „Die Unfähigkeit zu trauern“ ein Verhalten der Wähler des Nationalsozialismus, das sowohl erbärmlich wie beschämend die Realität des Verdrängens und Vergessens der Täter und Mitläufer des Holocaust der Hitler-Diktatur beschrieb.
Die Generationen sind jedoch zu differenzieren: einerseits die, die im Einflussbereich der Hitler-Diktatur aufwuchsen und mit vollem Bewusstsein der vergifteten „Blut und Boden und Herrenmensch-Ideologie“ folgten; andererseits diejenige, die im Dunstkreis der ´68er im Selber-denken-Alter waren und denen, die zur Wende-Zeit der 1990er mit einem anderem Zeitgeist in Berührung kamen. Zur Jahrtausendwende waren die meisten Täter der Zeit des „Nationalsozialismus“ der Gerechtigkeit schon entkommen und nur noch wenige überlebende Opfer des Holocaust kämpften gegen das Vergessen einen verzweifelten Kampf.
Aufgrund dieser bis heute wirkenden Nichtaufarbeitung eines ganzen Volkes, bei dem der Fanatismus und Extremismus eines verbrecherischen Systems, des „Nationalsozialismus“, die mitmachende Begeisterung entzündete, entstand ein Strukturgerüst des Terrors und der Menschenfeindlichkeit, welches auch heute wieder bis 40 % Zustimmung findet. Eine durchgehende Linie der Fremdsteuerung von 1933 -1989 erlebten die Bewohner der DDR unter verschiedenen Namen des Systems, aber geprägt von gleichem systemisch autoritären und menschenunterdrückenden „Ungeist“ im Denken und Handeln. Und nach den ersten 10 Jahren des neuen Jahrtausend wiederholte sich schleichend der Abbau der Demokratie. wenn auch neu aufgewärmt im Programm der zum rechtsextremistischen Denken und Handeln gewanderten Teil der AfD. Was für Deutschland gilt, trifft auch für andere Länder in Europa zu.
Die Philosophin und Schriftstellerin Lea Ypi widmet dieser Thematik ihr neues Buch und beschreibt in ihrem Werk „Aufrecht – Überleben im Zeitalter der Extreme“ das Leben ihrer Großmutter in Albanien im Zeitraum ab 1941 bis in die Neuzeit nach der Jahrtausendwende. „Lea reist an die Orte von Lemans Leben (Großmutter der Autorin!), um es Stück für Stück anhand von Archivalien, Akten und Anekdoten zu rekonstruieren. Gebannt folgt man ihr in die untergegangene Welt der osmanischen Aristokratie, an die Wiege der neuen Nationalstaaten auf dem Balkan und natürlich nach Albanien, erst unter faschistischer Besatzung, dann unter kommunistischer Herrschaft.“
Eine tiefgründende Reflexion des Lebens ihrer Großmutter und über die Zerbrechlichkeit von Wahrheit entlang der Realitäten in besonders extremen Zeiten. Eine zwar subjektive Erinnerlichkeit an Menschen und deren Versuch, Würde zu bewahren, als das „mit Stiefel getreten werden“ zur „Normalität“ des Alltags wurde!
Ein exemplarisches Beispiel für den Umgang mit der heutigen Realität in vielen Ländern, in denen der Abbau der Demokratie und der Aufbau von Oligarchien und Diktatur zur neuen „Normalität“ von Unfreiheit, Unterdrückung und Missachtung der Menschenwürde sich entwickelt.
Leseprobe-Link (c) Suhrkamp Verlag: „Aufrecht – Überleben im Zeitalter der Extreme“
Version vom 18.02.2026 – reloaded nach Serverumzug
