»Armer Daddy, das Leben war für dich nicht einfach, oder?« Einen Moment dachte er (Stoner) nach und erwiderte dann: »Nein, aber ich glaube, das hätte ich auch nicht gewollt.«
John Williams entwickelt die Hauptfigur William Stoner in seinem Roman, in dem er autobiografische Elemente des Autors einfließen lässt. Stoner wächst zunächst auf einer existenzbedrohten US-Farm auf und schlägt später eine akademische Karriere als Anglist an der University of Missouri ein. Es ist die Erzählung über das Leben eines Menschen, das von wenig spektakulären Ereignissen, aber von umso tieferer Beschäftigung mit der eigenen Identitätssuche und der Akzeptanz seines Lebensablaufs geprägt ist. Ein Leben, das Stoner vom harten Existenzringen auf einer kleinen Farm bis auf die exaltierte Plattform eines Uni-Campus führte. Es endet ebenso unaufgeregt, wie es begonnen hat. „Er konnte spüren, dass er außerhalb der Zeit existierte.“
Sein Leben verläuft unspektakulär und wenig sichtbar, weil Stoner jedes übliche und selbstdarstellungsaffines Gerangel um Einfluss, Positionen und materiellem Wohlstand vermeidet. Das war schon während des Studiums so: „Seine Arbeit an der Universität erledigte er wie Arbeit auf der Farm – gründlich, gewissenhaft, weder gern noch widerwillig.“
Sein Interesse für englische Literatur wird zum Erweckungserlebnis, zur Flucht vor der Tristesse des Lebens als Sohn einer kleinen Farmerfamilie. Seine Eltern legten alle Hoffnung in das Agrarstudium, das Stoner bewältigen soll, um den „Fortschritt“ auch für die kleine Farm bringen zu können. Dafür werden die spärlichen Finanzmittel eingesetzt, die das Leben der restlichen Familie noch härter macht. So war Stoner gezwungen, für seinen Lebensunterhalt wie Kost und Logis außerhalb der Studiengänge an der Uni hart zu arbeiten: „Und Stoner schlug Butter im Holzfass für Mrs. Forte (Vermieterin), die mit nickenden Kopf und grimmiger Zustimmung dabei zusah, wie der Holzstampfer durch den Rahm platschte.“
William Stoner begann 1910, im Alter von neunzehn Jahren, an der Universität von Missouri zu studieren. Acht Jahre später, gegen Ende des Ersten Weltkriegs, machte er seinen Doktor der Philosophie und übernahm einen Lehrauftrag an jenem Institut, an dem er bis zu seinem Tode im Jahre 1956 unterrichten sollte. Er brachte es nicht weiter als bis zum Assistenzprofessor, und nur wenige Studenten, die an seinen Kursen teilnahmen, erinnern sich überhaupt mit einiger Deutlichkeit an ihn. Als er starb, spendeten seine Kollegen der Universitätsbibliothek ihm zu Ehren ein mittelalterliches Manuskript, das man dort vermutlich noch heute in der Abteilung für seltene Bücher findet. Es enthält die Widmung: ›Der Bibliothek der Universität Missouri überreicht zur Erinnerung an William Stoner, Fachbereich Englisch. Von seinen Kollegen.‹ – lauten die einführenden Sätze des Romans.
Charakterisierung der Hauptfiguren und ihre Entwicklung
William Stoner: Während seines Studiums entwickelt er eine tiefe Leidenschaft für englische Literatur, die zu seinem Lebensinhalt und Identitätskern wird. Seine Ehe mit Edith – einer kaltherzigen Figur – wird ebenso zur Quelle seines Lebensleids, wie die Intrigen anderer Professoren (Alden Wallace) für seine akademische Laufbahn. Trotz aller Widrigkeiten bewahrt sich Stoner seine Integrität und seine tiefe Liebe zur Literatur. Seine Entwicklung ist keine spektakuläre Wandlung, sondern eine stille Reifung! Geprägt von Phasen der Resignation, aber auch von unerschütterlicher Würde, gestützt auf die Beschäftigung mit und Freude durch die Literatur.
Edith Stoner: Stoners Ehefrau, Edith, repräsentiert eine Welt des materiellen Wohlstands, aber der emotionalen Leere. Sie ist eine anspruchsvolle, narzisstische und letztlich unglückliche Frau, die Stoners Leidenschaft für die Literatur kaum versteht und nicht teilt. Ihre so bedingte Persönlichkeit bleibt gefangen in ihrer eigenen Bitterkeit und ihrer Vorstellung, ungerecht vom Leben benachteiligt zu werden.
Katherine „Katie“ Stoner: ist die Tochter der Eheleute Stoner. Ihre Beziehung zu ihrem Vater ist kompliziert und distanziert. Ein Ergebnis des Einflusses ihrer Mutter. Eine Sozialisation, die tausendfach das Ergebnis einer „giftigen Beziehung“ zwischen Eheleute darstellt, und den Versuchen der so geprägten jungen Menschen, sich aus diesen Zwängen der Eltern zu lösen.
Gordon Finch: Stoners Mitstudent und späterer Kollege, der zu seinem engsten Freund und Vertrauten wird.
Der „rote Faden“ zur Figur William Stoner ist seine unaufhaltsame Suche nach Wahrheit und Schönheit in und durch die Literatur und seine stille, unbeugsame Integrität. Vom jungen Mann, der die Erkenntnis der akademischen Welt als Befreiung erlebt, über den Professor, der sich gegen widrige Umstände behauptet, bis hin zum alten Mann, der seine letzten Jahre inmitten seiner geliebten Bücher verbringt – stets bleibt Stoner dem Streben nach Erkenntnis und der Hingabe an die Literatur treu! Seine wahre Leistung liegt nicht im Ruhm, sondern in seiner unbestechlichen Haltung und seiner Fähigkeit, auch im Kleinsten, im scheinbar Unbedeutenden, tiefe Bedeutung und Erfüllung zu finden. Sein Leben ist ein Beweis dafür, dass ein Mensch nicht nach äußerem Erfolg streben muss, um ein reich erfülltes Dasein zu führen, solange er seiner Leidenschaft folgt.
Dabei formt John Williams seinen Protagonisten Stoner in seinem Denken und Verhalten, in dem er den Fokus auf das alltägliche akademische Leben und das Ringen um Anerkennung und die stillen Dramen, die sich abseits der großen intellektuellen Debatten abspielen, intimer aber auch realistischer schildert. „Stoner“ ist jedoch weniger auf die soziale Kritik ausgerichtet und mehr auf die individuelle Psyche und die stille innere Reise. Der Protagonist Stoner kämpft nicht primär gegen äußere Ausbeutung, sondern gegen existenzielle Einsamkeit und die – in der Rückschau auf sein eigenes Leben – unerfüllten Erwartungen an ein geträumtes Leben.
John Williams‘ Schreibstil ist sparsam, präzise und von einer erstaunlichen emotionalen Tiefe gekennzeichnet. Er bedient sich einer klaren, direkten Sprache, frei von Ausschmückungen und rhetorischem Pathos. Seine Sätze sind oft kurz und bündig, was den nüchternen und doch eindringlichen Ton des Romans unterstreicht. Diese Form verstärkt die Wirkung der Ereignisse und Gefühle und macht diese umso glaubhafter und nachvollziehbarer.
John Williams bedient sich einer Erzählweise, die zugleich empathisch wirkt. Im literarischen Kontext darf „Stoner“ als gelungenes Beispiel des US-amerikanischen Realismus gerechnet werden. Vor allem in der Würdigung des gewöhnlichen und unspektakulären Lebens.
Mit seiner konzentrierten Darstellung auf ein einzelnes Leben, mit der Heraushebung der Integrität als zentraler Wert eines lebenswerten Lebens, aber auch seiner Schonungslosigkeit gegenüber den kleinen und großen Demütigungen des Lebens und wie sie auszuhalten sind, ist „Stoner“ ein Werk, das in seiner Unaufgeregtheit besticht und einen bleibenden Eindruck hinterlässt.
Autobiografische Elemente in „Stoner“ zu verorten, lässt sich durch eine kurze Biografie von John Williams nachvollziehen!
John Edward Williams (1922–1994) war ein US-amerikanischer Schriftsteller und Literaturprofessor. Er wurde in Sulphur Springs, Texas, geboren und wuchs unter einfachen Verhältnissen auf dem Land auf. Nach seinem Dienst im Zweiten Weltkrieg im Pazifik studierte er an der University of Denver, wo er seinen Abschluss in Englisch machte. Dort traf er auch seine erste Frau, die Dichterin Florence Retail. Später promovierte er an der University of Missouri, wo er auch lange Jahre als Dozent und Professor für englische Literatur lehrte.
Neben „Stoner“ (ursprünglich 1965 veröffentlicht und lange Zeit ein unbemerktes Werk, das erst durch eine Wiederentdeckung im 21. Jahrhundert große Anerkennung fand) veröffentlichte Williams die Romane „The Butcher’s Boy“ (1953), „Augustus“ (1972 – der den National Book Award gewann) und „The Sleep of Reason“ (nicht veröffentlicht). Seine Belletristik ist bekannt für ihre meisterhafte Prosa und die tiefe Auseinandersetzung mit dem menschlichen Zustand.
John Williams lebte lange Zeit zurückgezogen und widmete sich neben dem Schreiben hauptsächlich seiner Lehrtätigkeit und seiner Familie. Sein Nachlass war bis vor einigen Jahren weitgehend unentdeckt, doch die weltweite Anerkennung von „Stoner“ hat ihn nachträglich zu einem wichtigen Akteur der amerikanischen Literatur des 20. Jahrhunderts gemacht.