Am Anfang war das Wort, so lautet der Einstieg in den biblischen Text…und es klingt wie: Am Anfang ist das Gesetz! Und die aktuellen Despoten á la Trump praktizieren diese Transformation, in dem sie bestehende Gesetze ignorieren, umgehen oder sich selber neue Gesetze nach ihrem Weltbild machen!
Jürgen Habermas – so scheint mir – verfolgte eine andere Botschaft: am Anfang stehe das Gespräch und nicht Gewalt und Unterdrückung! Und eingebunden darin ist der Diskurs, sofern die auszutauschenden Standpunkte diametral entgegengesetzt vertreten werden oder als Dialog, wenn Toleranz die Möglichkeit der Verständigung einbezieht, immer jedoch als Schwerpunkt der menschlichen Kommunikation und als Gegenpol zum Ausschluss und zur Unterdrückung und mit dem Ziel der Verständigung zu Freiheit, Gerechtigkeit und Menschlichkeit.
Diskurs und Dialog sind wissenschaftlich geprägt durch Vernunft als Methode und sind zugleich Ausdruck der freien und offenen Gesellschaft, in welcher die Erkenntnisse respektiert werden als Leitplanke auch zur Verteidigung und Stärkung der Demokratie. Angesichts der Zerstrittenheit der EU und des schleichenden Fortschritts der Zerfledderung dieses Verbundes entfernt sich eine politische Institution von der Vorstellung eines Europas der Habermas-Provenienz, in der sich die Diskurstheorie des kommunikativen Handelns mit dem politischen Denken der Sozialphilosophie verbindet und der EU zu einem Profil verhilft, die Feinde der offenen Gesellschaft zurück zu drängen.
Zum Schluss seines Lebens, so schien es dem Schriftsteller und Professor für Kulturgeschichte Philipp Felsch in seinem Buch „Der Philosoph. Habermas und wir“ aus 2024, dass er – Felsch – bestürzt gewesen sei, wie resigniert dieser eigentlich „letzte Idealist“ auf ihn gewirkt habe: „Europa, der Westen, die kommunikative Vernunft, die Überwindung des Krieges als Mittel der Politik – alles, wofür er gekämpft habe, gehe nun „Schritt für Schritt“ verloren, so Habermas. Treten Vernunft und Wirklichkeit, die er als weitgehend versöhnt betrachtet hatte, wieder auseinander?“ (Quelle: Philomag )
Warntöne, die im Habermas Buch „Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit und die deliberative Politik“ von 2022 schon anklangen, als er sich ein weiteres Mal mit der Rolle der Öffentlichkeit für die Bestandssicherung des demokratischen Gemeinwesens beschäftigt. „Kernstück des Buches ist ein Essay, in dem er sich ausführlich mit den neuen Medien und ihrem Plattformcharakter beschäftigt, die traditionelle Massenmedien – maßgebliche Antreiber des »alten« Strukturwandels – zunehmend in den Hintergrund drängen. Fluchtpunkt seiner Überlegungen ist die Vermutung, dass die neuen Formen der Kommunikation die Selbstwahrnehmung der politischen Öffentlichkeit als solcher beschädigen. Das wäre ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit, mit gravierenden Konsequenzen für den deliberativen Prozess demokratischer Meinungs- und Willensbildung.“ (Quelle: Suhrkamp)

In 2019 erschien sein Alterswerk „Auch eine Geschichte der Philosophie“. Neben der Schilderung, wie Philosophie sich aus ihrer Gebundenheit der Religion gelöst hat und zur selbständigen Disziplin entwickelte, beschreibt Habermas die Dispute, Einschnitte und Veränderungen in der Philosophie entlang der Geschichtszeitachse und die so ausgelösten Umgestaltungen in Wissenschaft, Politik und Gesellschaft.
Habermas verstarb am 14. März 2026 in Starnberg. Eine gewichtige Stimme der Vernunft und der Notwendigkeit der Gespräche als Mittel der Kommunikation zur Stärkung der Demokratie wird seit gestern nicht mehr zu vernehmen sein. Doch über den gestrigen Tag hinaus bleiben seine Werke eine existenzielle Quelle für die Ausgestaltung der inhaltlichen Struktur des Gesellschaftsvertrages: rechtsstaatliche Demokratie.
Rückblick auf den am 14. März 2026 verstorbenen Philosophen Jürgen Habermas – Nachrufe