Blick auf die Welt

Sehen und Erkennen / Bildsprache – Wortsprache

Konservatismus-Spielarten oder trügerische Hoffnungen

Zukunft braucht Herkunft formulierte Odo Marquard in seinem Essay „Philosophische Betrachtungen über Modernität und Menschlichkeit“. Wer sich heute alles als konservativ bezeichnet, verlangt dem Gegenüber ab, sich intensiv mit diesem selbst angehängten Etikett zu beschäftigen, um die Wurzeln und Verortungen erstmal sortieren zu können.

Da ist es nicht verwunderlich, dass Abgrenzungen definiert werden müssen, um wesentliche Unterschiede klar benennen zu können. Abgrenzungen schaffen Klarheit, so dass die Sicht auf die Welt zum Indiz kommen kann, dass die Bandbreite von konservativ über reaktionär bis zu rechtsextremistisch reicht!

Das Motto: Zukunft braucht Herkunft   verlangt, die Herkunft des Einzelnen und das Umfeld seines Netzwerkes zu verorten, um zu verstehen, wohin der Weg zukünftig führen wird. Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Die Sozialisation bestimmt Denken und Handeln. Verantwortlich bleibt der Mensch dennoch für seine Taten. Veränderungen sind Bestandteile jedes menschlichen Lebens. Wenn die im Gesellschaftsvertrag festgelegten Vereinbarungen – in der Demokratie als rechtstaatliche Gewaltenteilung in Grundrechte und Menschenrechte verankert – nicht eingehalten werden, weil Egomanen in Machtpositionen sie nicht einhalten und autokratisch bis despotisch Macht missbrauchen, dann wird „konservativ“ zum Rückfall in Rechtsextremismus und Faschismus transformiert.

Im Wortschatz konservativer Herkunft taucht oft der Begriff „Tradition“ auf. Gleichbedeutend mit: „Das haben wir immer schon so gemacht.“ Und wenn es einmal eine Zeit lang anders gemacht wurde, ist das dann auch Tradition zu nennen? Welche ist dann die echte Tradition? Beim politischen Handeln in Deutschland war der Wechsel von der CDU/CSU mit Adenauer-Weltbild hin zur SPD-FDP-Koalition unter Willy Brandt als SPD-Kanzler mit dem Motto: „Mehr Demokratie wagen“ als ein Aufbruch zu einem moderneren Verständnis von mitbestimmender Demokratie zu verstehen.

Nur rund 13 Jahre später – nach dem Bruch der FDP mit der „sozial-liberalen Koalition“ im Jahr 1982 – gelang Helmut Kohl der Sprung an die Spitze des CDU/CSU-FDP-Bündnisses, einer „konservativ-neoliberalen Koalition“, neu ausgerichtet als überwiegende Wirtschaftspartei-Koalition. Kohls Motto der  „geistig-moralischen Wende“ bedeutete, das Regierungshandeln wieder auf die Klientelpolitik der Adenauer-Ära auszurichten. Die Zielverfolgung des „neoliberalen Wirtschaftssystems“ stand im Mittelpunkt: Die Gewerkschaften zu schwächen, die Privatisierungen vieler Bereiche voranzutreiben, [Gemeinwohl, Gesundheit, Medien, Infrastruktur (Post, Bahn, Verkehr) u.a] und den Finanzkapitalismus auf die Schienen zu setzen.

Nur allzu gerne interpretierten die konservativen Kräfte der alten Garden aus dem Adenauer-Kosmos dieses Motto als Rückkehr zu alten Werten, die gestärkt werden sollten. Wie sich nach 16 Jahren Kohl-Regentschaft rückblickend feststellen ließ, war weder „geistig, noch moralisch“ eine Wende – oder wie Kohl später korrigierend formulierte –  von „geistig herausfordernder“ Wende etwas zu vernehmen. Stattdessen funktionierte das Netzwerk der lobbyistischen Einflussnahme der führenden Unternehmen mit der Kohl-Autokratie hervorragend. Belege dafür sind die Flick-Affäre mit der „Pflege der politischen Landschaft (von Brauchitsch als Flick-Manager)“ sowie die Parteispenden-Affäre! Korruptionsaffine Netzwerke scheinen allem Anschein nach bis heute zu existieren, obwohl Kohls Äußerung, die Bundesrepublik sei nicht käuflich, bei den aufgedeckten Affären bis heute eher als hohle Phrase gewertet werden kann.

Nach der Wiedervereinigung durften dann auch die Menschen in den neuen Bundesländern die Erfahrung machen, dass der Wert „konservativ“ oft genug das Gegenteil von „moralisch und menschenfreundlich“ vermittelte. Und zurück zu alten Traditionen auch unmoralisches Denken und Handeln mit ethischem Anklang zur Menschenfeindlichkeit bedeuten kann. Diese Bedeutungsvariante von „konservativ im Sinne von bewahren“ wird pervertiert und lässt dann eher die Wertung „reaktionär“ im Sinne von „zurück zur Ungerechtigkeit und den Privilegien für wenige“ passend erscheinen. Konservatismus als „Restauration“ der alten Ordnung. Diesen Gedanken versuchen auch heute ein Großteil der CDU/CSU-Fraktion und der CDU/CSU geführten Ministerien in der Merz-Kanzlerschaft zu realisieren.

Reaktionär ist deshalb auch die Aussage von Friedrich Merz und XY, wenn der Bevölkerung und den vielen Arbeitssuchenden entgegnet wird, „mehr zu arbeiten“! Da mag eventuell in den – aber das in nur wenigen – Köpfen die Versuche Thomas Mann nach dem Weltkrieg 1914-1918, seine konservative gestützte Kriegshaltung und Begeisterung vor 1914 zu korrigieren, in den Sinn gekommen sein, der einerseits ebenfalls reaktionär den damaligen Arbeitslosen „das Arbeiten“ empfahl, doch zugleich kritisch dem aufkommenden  völkischen Antisemitismus gegenüberstand!

Der selbstkritische Wandel des Thomas Mann vom ehemals rechtskonservativen Denker hin zur Ablehnung des völkischen Rechtsextremismus beschreibt der Autor Herwig Finkeldey in seinem Essay „Wider die Verhunzung des Konservatismus“ im  Internet-Magazin „tell“.

„In konservativer Tradition begreift Thomas Mann Politik weiterhin als Schaumschlägerei. Eine Schaumschlägerei allerdings, die ihn in allen Fasern des Daseins treffen wird – und die auf frappierende Weise an heutige Facebook-Schlachten erinnert.“

 

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