Wer, wie der Autor, Anfang der 1950er Jahre geboren wurde, erlebte Schule als Alltag und mit Lernformen, die in der Erinnerung und in nachträglicher Analyse ein heute merkwürdiges, vor allem ambivalentes Gefühl und Ergebnis hinterlässt.
In einem Dorf mit rund – wie in der damals üblichen Sprache formuliert – 1200 „Seelen“ aufgewachsen, bestand das Schulgebäude aus einem zwei stöckigen Gebäude aus dem 19. Jahrhundert. Durch eine Dorfstraße getrennt lag gegenüber der Friedhof. Dessen Fläche war doppelt so groß, wie die der Schule inkl. Pausenhof. Der Bedeutung des Friedhofs wurde allem Anschein nach mehr Aufmerksamkeit geschenkt als der Schule.
Das Schulgebäude bestand aus zwei Etagen. Parterre die älteren Schüler der Jahrgangsklassen 5-8. Klassenlehrer ein Überlebender der 6ten Armee, die in Stalingrad vernichtend geschlagen wurden. Im ersten Stock die mehr als 50 Schüler der Jahrgangsklassen 1-4. Klassenlehrerin Fräulein Krichel, unverheiratet und im Dorf wohnend, weil das so vorgeschrieben war, und damit faktisch unter Aufsicht von Kirche und Gemeinderat.
Am Einschulungstag nahm die damals 72 jährige Lehrerin den Autor auf ihren Arm und teilte ihm mit: „So habe ich vor 30 Jahren auch deinen Vater schon begrüßt“! Ein Satz, der sich ins Gedächtnis einbrannte, weil sofort beim Sechsjährigen die Frage aufkam: „Wieso konnte sie meinen Vater, der doch viel größer als ich bin, auf den Arm nehmen?“
Eine Frage, eher ein Hinterfragen des Gesagten, welches sich später – neben der Motivation wissen, zu wollen, wie das Leben abläuft – als wichtigstes Prinzip des Lernens, der Erarbeitung des Wissens und der Erkenntnisfähigkeit, sowie die Herausbildung der Sicht auf die Welt und der Fakten-Würdigung herausstellen sollte.
Das Hinterfragen als Gegenpol zum alles Glauben.
Und Investition von Arbeit, um die Antworten auf die Fragen zu finden, die Immanuel Kant so formulierte: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Und als Fazit: Was ist der Mensch?
Lebensweltorientierung und Lehrinhalte in Form der bundeslandvorgegebenen Schul- respektive Fächer-Lehrpläne stehen sich nicht selten diametral gegenüber und bilden die Diskursinhalte des schulischen Lernens ab. Sie stehen oft im Fokus der Fragen nach dem Sinn dieser Inhalte für das zukünftige Leben. Dabei werden die verschiedenen Anforderungen an Schule und Lehrpersonen sichtbar, was die Verwertbarkeit des schulischen Lernens für das Leben nach der Schule betrifft!
Die Verantwortlichkeit für das Erwachsenwerden wird dabei im Wesentlichen beim Bildungssystem „Schule“ ausgelagert. Denn die hat ja die Verantwortung für „Bildung und Erziehung“. Defizite entstehen nach Meinung der Öffentlichkeit nur im Bildungssystem. Für die maroden Schulen und selbstlernbremsende Architektur sind die Kommunen die Versager. Für die sinkende Intelligenz (PISA-Vergleichsergebnisse) und die steigende Gewalt an Schulen das versagende Lehrpersonal. Für die negative Lernatmosphäre und die sich ausbreitende Disziplinlosigkeit und Konzentrationsmängel ist der langweilige Unterricht und die Unfähigkeit der Lehrenden verantwortlich.
- Die Unternehmenswelt will die Konzentration auf sogenannte „Skills des Berufslebens als Mitarbeiter in den verschiedenen Branchen“ zum Kernthema schulischen Lernens gemacht wissen.
- Eltern und Familien fordern die „Lizenzen für die akademische Laufbahn“, landläufig als Abitur und Hochschuleinstieg benannt, als Qualifikationsnachweis von Schule und Lehrpersonal.
- Schüler – in ihrer ganzen Bandbreite sozioökonomischer Unterschiede – wollen die, vom wechselnden Schwerpunkt des zeitgeistigen Seins bestimmte Fertigkeiten vermittelt bekommen und Einflüsse (TikTok-, Influencer-, Mode-, Musikstil-, Sport- und Freizeit-Fähigkeiten) behandelt wissen. Da interessieren das „Balzverhalten der weiblichen Zecke“ und das „Paarungsverhalten des Alpenmolches“ sowie die kulturelle, gesellschaftliche, politische, berufliche undwirtschaftliche Lebenswirklichkeit eher nicht. Der Stoff aus dem die Lehrpläne für das schulischen Lernen besteht, wird zu oft geblockt mit der Frage: „Wann soll ich das mal brauchen?“
Die beteiligten Gruppen setzen voraus, dass Schule eine Investition ist, die sich später auszahlen muss. Je nach Zieldefinition verschiedenen. Bildung allerdings ist keine ökonomische Kategorie. Die einzige zustimmungswerte ökonomische Logik besteht darin, dass Politik für Bildung hinreichende und notwendige Ressourcen bereit zu stellen hat. Da ist aber schon seit Jahrzehnten der Investitionsstau leider real!
Schulische Bildung muss allgemeine Bildungsziele für alle sichern und dient nicht nur den jeweiligen privaten oder wirtschaftlichen Zwecken.
Schule hat die Aufgabe, die ihnen anvertrauten Menschen zu unabhängigen, mutigen und verantwortungsbewussten Mitmenschen zu begleiten, dabei die Fähigkeit des faktenbezogenen Hinterfragens zu stärken, um besser den propagandistischen Versprechen nicht einfach nur blind zu glauben. Das würde die Resilienz (Widerstand) gegen anti-demokratische Kräfte (AfD, Trump-Dekreten, Putins Propaganda) stärken!
Dazu gehört, das Lernen zu lernen!
Den Zustand des deutschen Bildungssystems untersucht die Bosch-Stiftung mit Studien: Das Deutsche Schulbarometer 2026 von der Robert Bosch Stiftung hat ergeben, dass 84 Prozent der Schüler:innen gar nicht oder wenig an der Auswahl der Themen und Inhalte im Unterricht beteiligt sind. Ganz zu schweigen davon, dass Fertigkeiten wie: Das „Lernen zu lernen“ viel zu selten Gegenstand der Lehrziele ist.
Genau dazu verhelfen so manche Lernziele in den Fächern und deren vorgegebenen Lehrinhalte:
„Die Gedicht-Analyse hast du nie wieder als Gedicht-Analyse und die Kurvendiskussion nie wieder als Kurvendiskussion gebraucht. Sehr wohl hast du aber gebraucht, was beides in dir trainiert hat: genau hinzusehen, Strukturen zu erkennen, Unsicherheit auszuhalten und dich durch etwas durchzuarbeiten, das sich dir nicht sofort erschließt.“
„Wenn du dich durch „Kabale und Liebe“ quälst, trainierst du, mit Nicht-Verstehen umzugehen. Das ist eine der nützlichsten Fähigkeiten, die es gibt. Als Erwachsener greifst du praktisch immer beim Lesen von Zeitungsartikeln oder politischen Schriften wie Koalitionsverträgen auf diese Kompetenzen zurück.“ (Quelle: Krautreporter)
Peter Bieri, der Schweizer Philosoph und Schriftsteller, hat 2005 in seiner Festrede „Wie wäre es, gebildet zu sein?“ gesagt:
„Eine Ausbildung durchlaufen wir mit dem Ziel, etwas zu können. Wenn wir uns dagegen bilden, arbeiten wir daran, etwas zu werden – wir streben danach, auf eine bestimmte Art und Weise in der Welt zu sein.“ (Quelle: Krautreporter)
Version vom 14.04.2026 / 20:55 Uhr – reloaded am 06.05.2025