Blick auf die Welt

Sehen und Erkennen / Bildsprache – Wortsprache

28. Oktober 2023
von JvHS
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Drama-Dreieck der Weltgemeinschaft – Positionsfesseln von Täter-Opfer-Helfer verhindern Konfliktlösungen

„Wer Hass sät, Menschenfeindlichkeit propagiert und Rache praktiziert, der wird nichts gewinnen, denn er wird immer zwei Gräber ausheben müssen: eins für sich und eines für seinen Gegner! “ – JWB

Die Orientierungslosigkeit der Menschen in allen Teilen der Welt ist strukturell – bedingt durch die Flut der Meinungen in den (un)- sozialen Medien (á la Twitter/X, Tiktok etc.)., welche mit der Realität verwechselt werden. Diese Bedingungen schaffen innerliches wie äußerliches Chaos, so dass Ängste und Panik als emotionaler Bodensatz des individuellen Lebens sich niederschlagen. Respektlosigkeit, Hass und Rache überwiegen positivere Emotionen und verbreiten sich mehr und mehr. Die inhaltlichen und emotionalen Leerstellen im Leben der Menschen besetzen die verschiedenen ideologischen, politischen und religiösen Interessensgruppen mit ihren diametral entgegengesetzten Weltanschauungen.

Im geopolitischen Machtverteilungsprozess agieren besonders die narzisstischen und egozentrischen Machtinhaber (Erdogan, Orban, Putin, Trump, Netanjahu sowie die Hamas- und Hisbollah-Führer etc.) schädigend für die gesamte Weltgemeinschaft. Dabei setzen sie auf wechselnde Bündnisse, die nur solange halten, wie die Vorteilsnahme realisiert werden kann.

Terrorverbrechen gehen von jenen aus, die einen Angriff auf das Leben von Menschen und auf ihren Lebensraum (Staat) ausführen, um die Existenz der Angegriffenen zu vernichten, in dem die Zivilbevölkerung des Gegenüber hinterhältig und ohne Skrupel mit Waffengewalt getötet und ausgelöscht wird. Es sind Kriegsverbrechen nach den Wertmaßstäben eines demokratischen Rechtsstaates wie auch nach dem Völkerrecht. Das gilt für Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine wie auch der Terror der Hamas gegen Israel.

Dass politisch-ideologisch-religiöse Brandstifter im Hintergrund agieren und als Finanziers der Gewaltressourcen fungieren, ist nicht zu leugnen. Sie schaffen nach innen wie nach außen vergiftete Bedingungen. Die Strukturen sind jeweils gleich. Ob Trump die USA spaltet, Orban die EU schwächt, Erdogan die NATO erpresst oder die religiöse Führerschaft des Iran ihre vermeintlichen inneren wie äußeren Feinde unterdrückt und auslöscht, immer steht die Machtausdehnung durch Gewalt und Menschenfeindlichkeit im Zentrum. Zum Profil dieser Machtgier und Machtsicherung gehört, dass sowohl die (Menschen)-Rechte beschränkt werden, die Justiz nicht mehr unabhängig ist und Macht-Kontrolle über die Institutionen wie Polizei, Militär, Justiz und Presse mit allen Mitteln vorangetrieben werden.

Jeder Staat und jeder Mensch, der einen Angriff auf seine Existenz erlebt, hat das Recht sich dagegen zu wehren. Auch gegen die Einschränkung der Grund- und Menschenrechte durch die eigene politische Führung. 

Wird nicht rechtzeitig gegen solche Entwicklungen im eigenen Staat sich erwehrt, dann wird die unblutige Entmachtung nur selten gelingen. Dass Terror-Gruppen wie die Hamas sich inmitten der eigenen Bevölkerung verstecken – diese als „Schild“ gegen eine Verfolgung und In-Haftnehmung missbraucht – ist eine gängige Vorgangsweise des asymmetrischen Verhaltens. Das aber macht genau den Kern der Problemlage deutlich: Die Terrorgruppen an weiteren Verbrechen zu hindern, das ist ohne moralisch-rechtliche Abwägung und deren Einengung so gut wie nicht möglich. Ein Dilemma, den Schutz der eigenen Bevölkerung nicht gewährleisten zu können, wenn nicht andere Bevölkerungsgruppen in anderen Staaten in Lebensgefahr gebracht werden. Dieses Dilemma machen sich Terroristen und Kriegsverbrecher zunutze. 

Das Drama-Dreieck der wechselnden Positionen für den Verteidiger oft wechselhaft Täter-Opfer-Helfer-Positionen einnehmen zu müssen, das führt zu einem Konflikt, der endlos währen kann, wenn diese Struktur nicht durchbrochen wird. Das kann durch eine äußere Kraft erfolgen, (die UNO scheint es nicht mehr sein zu können), die von allen akzeptiert wird, oder in dem die Konfliktpartner selber zur Vernunft als Quelle des Konfliktlösungshandelns zurückkehren.

Vor allem aber muss deutlich sein: Täter sind immer die, die einen Terror-Angriff oder einen Angriffskrieg beginnen! Sie müssen dafür auch zur Verantwortung gezogen werden vor der Weltgemeinschaft.

7. Juni 2023
von JvHS
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Aus dem Innenleben einer Partei (CDU) – Hans-Josef Heuter stellt Buch „50 Jahre CDU“ in Stadt und Kreis Heinsberg (1972-2022) vor

Vorstellung des Buches „50 Jahre Aachen Gesetz – 50 Jahre CDU in Stadt und Kreis Heinsberg 1972 – 2022“ durch den Autor Hans-Josef Heuter in der Buchhandlung Gollenstede in Heinsberg

„Sein und Wissen ist ein uferloses Meer: Je weiter wir vordringen, um so unermesslicher dehnt sich aus, was noch vor uns liegt; jeder Triumph des Wissens schließt hundert Bekenntnisse des Nichtwissens in sich .“– Isaac Newton 

Aus dem Innenleben einer Partei (CDU) im Kreis Heinsberg und der Euregio-Region mit dem subjektiven Blickwinkel eines politisch aktiven Insiders vermittelt der Autor Hans-Josef Heuter mit seinem neu erschienenen autobiografischen Buch Einblicke in „50 Jahre CDU“ in Stadt und Kreis Heinsberg (1972-2022).

Der 1945 geborene Autor war von 1975 – 1998 Vorsitzender des CDU-Stadtverbandes Heinsberg und gehörte von 1979 – 2004 als
Kreistagsmitglied dem Kreistag an. In den 25 Jahren arbeitete er als Ausschuss-Vorsitzender im Bauausschuss wie im Planungs- und Umweltausschuss an exponierter Stelle für seine Partei und den Kreis Heinsberg. Von 1989 – 2004 gehörte er als gewähltes Mitglied der Landschaftsverbandsversammlung Rheinland an – ebenso in der Funktion des Vorsitzenden des Umweltausschusses dieser Versammlung. Im Jahr 2013 wurde Heuter in den Kreisvorstand der Senioren-Union gewählt, dessen Vorsitz er
2015 – 2021 inne hatte.

v.l.: Bürgermeister Kai Louis, Autor Hans-Josef Heuter und Buchhändler Marcus Mesche 

Die vermittelten Einblicke in die Struktur und die innerparteilichen Netzwerke dieser seit Jahren dominanten und bestimmenden Mehrheits-Partei CDU im Kreis Heinsberg sind einerseits durch Fakten gestützt (Wahl-Statistiken und offizielle bundesweite und kreisnahe Informations- und Argumentationsschriften der CDU), andererseits in der Schilderung durch den Autor mit einem subjektiven Zungenschlag und Blickwinkel versehen.

In dieser Mixtur und in der wechselnden Rolle als leitender Funktionsträger innerhalb der Kreis-CDU und andererseits des autobiografisch bezogenen Erzählers bleiben manche formulierten Schlussfolgerungen ambivalent für die Einschätzung des Lesers und Außenstehenden. 

Was dennoch bei aller Subjektivität und Autobiografie bestehen bleibt, ist die Tatsache, dass mit dem Autor einer der über die letzten fünf Jahrzehnte wichtigsten Mitentscheider und Mitglieder dieser Heinsberger CDU spannende Einblicke ebenso in diese Partei wie in das eigene Meinungsspektrum ermöglicht.
Das erfolgt faktenreich und spiegelt die Sicht auf die Gesellschaft eines mit Herzblut engagiert agierenden Lokalpolitikers wider. Dass dieser Wertekanon auch die Grundrichtung der politischen Schwerpunkte der CDU wider gibt, ist durchaus nicht nur als glaubhaft und authentisch zu verorten.

Es wird in der Natur der Sache liegen, dass sowohl innerparteiliche Leser bei dieser zeitweise offenherzigen Berichterstattung wie auch die politische Konkurrenten anderer Parteien die Interpretation der lokalen wie bundes- oder landesweiten Einschätzungen in diesem Buch anders sehen werden. 

Einen kritischen Blick verlangt jedoch das im Buch vermittelte Selbstverständnis, das offenbar nicht nur in den letzten fünf  Jahrzehnten Gang und Gäbe auf allen politischen Ebenen war, und welches der Autor an verschiedenen Stellen im Buch formuliert mit z.B. „Unser Mann in Bonn/Berlin“, sondern auch bis heute im Selbstverständnis der parlamentarischen Parteien feststellbar ist und möglicherweise als Denkmuster für eine Unart im Parlament steht, nicht parteiübergreifend an den Lösungen der Probleme in der Gesellschaft zu arbeiten, um das bestmögliche Ergebnis zu erreichen. Stattdessen stehen mit diesem „Slogan“ anscheinend Machterhalt und Machterwerb der jeweiligen Parteien zu Lasten der Gesamt-Bevölkerung im Vordergrund. Dass zudem es naheliegend zu sein scheint, dass aus diesem Selbstverständnis heraus der Lobbyismus und die Klientelvertretung bei den Parteien die Aufgabe der Mandatsvertretung und den Auftrag „Zum Wohle der Gesamtbevölkerung“ zu arbeiten, zu verdrängen scheint und aus den Augen verloren geht, ist mehr als nachvollziehbar zu befürchten. 

Ob der Anspruch, den der Autor Hans-Josef Heuter in seinem Vorwort formuliert – „Wer die Geschichte nicht kennt, versteht die Gegenwart nur schwer!“ – aufgrund seiner subjektiv autobiografischen Sichtweise erfüllt wird, wenn die Sicht auf die Gesellschaft so Partei zentriert erfolgt, das mögen die Leser für sich selber entscheiden. 

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“Immanuel Kant, Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?

 

12. Mai 2023
von JvHS
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Wenn Geschichte sich fatal zu wiederholen droht

Der 1884 geborene deutsche Autor und Schriftsteller Lion Feuchtwanger schrieb seine Trilogie „Erfolg – Die Geschwister Oppermann – Exil“ in den Jahren 1930, 1933 und 1940. Seine Beschreibung der Intrigen und des Zustandes der bayrischen Realität des Jahres 1930 im ersten Band „Erfolg“ sind ebenso ein Spiegelbild der heutigen Zustände wie die Beschreibung der Veränderung des liberalen Bürgertums durch das schleichende Gift der rechtsradikalen Propaganda und ihrer sprachlichen und handelnden Grenzüberschreitungen in allen Teilen der Gesellschaft im Zeitraum 1932/1933.

Erschreckend auch die Wiederholung des gesellschaftlichen Abdriftens in autoritär-totalitäre Zielbeschreibungen, in gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit sowie in die Verbreitung demokratiezerstörender Konzepte und Modelle des Faschismus, sobald die ökonomischen Rahmenbedingungen für den Großteil der Bürgerschaft sich extrem verschlechtern. Auch hier wieder die Parallelen der damaligen Zeit hin zur Entwicklung der Hitler-Diktatur ähnlich dem heutigen Zustand in Deutschland und Europa hin zum völkisch-konservativen Nationalismus.

Engstirnigkeit, Ängstlichkeit, Vorurteile, Gefühlsarmut/Empathieunfähigkeit, Sprachlosigkeit, Hass und Gewaltbereitschaft auf der einen Seite sowie Gier, Vorteilsnahme, Machtmissbrauch, politische Büttelhaftigkeit und Reichtum auf der anderen Seite sind zum Ende der Weimarer Republik mit vielen Parallelen sichtbar und vergleichbar mit der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklung des Jahres 2018. Was die große Arbeitslosigkeit in den Jahren 1928-1933 betraf, entspricht den prekären und selbst ausbeutenden Arbeitsverhältnissen der heutigen Zeit. Auch zum Ende der Weimarer Republik waren die Auslöser für die Not und das Elend der Arbeitnehmer ein Börsencrash und Kapitalvernichtung, vergleichbar der Banken- und Finanzkrise in den letzten Jahren. Das Ergebnis war das Auseinandergehen der Schere zwischen Arm und Reich. 

Auf dem rechten Auge blind seiend und in die Exekutive hinein tragend waren damals wie heute Ursachen für den Rechtsruck in die autoritäre und terrorisierende Staatsform der Hitler- und Nazi-Diktatur. Weitere Parallelen werden sichtbar durch die Bereitschaft der konservativen Kräfte mit den Rechtsradikalen unsägliche Bündnisse einzugehen. Die Wiederholung zeigt sich aktuell, wenn Planspiele in Sachen bei der dortigen CDU bestehen, zukünftig mit der AfD zusammen die Regierung zu stellen. 

Auch heute zeigt sich der verquere Gedanke der Konservativen, dass dem rechten Spuk und dessen Ziel, die Demokratie zu zerstören, in einer Koalition mit der AfD schon Einhalt geboten werden könne. Die Geschichte lehrt uns eines fürchterlich anderen Erkennens, dass – sobald der Fuß der Rechtsradikalen in der Tür zur Regierungsmacht steht – der politische Gegner liquidiert wird. Österreich macht es gerade vor – die heimlich geplante Einschränkung der Pressefreiheit ist erst der erste Schritt der völkischen Rechten in der dortigen Koalition.

Update vom Tag der Deutschen Einheit:  Wer Rede- und Pressefreiheit einschränkt, der sperrt auch Menschen ein und weg. Ungarn und die Türkei sind aktuelle Beispiele. Wer in deren Einflussbereich als kritischer Geist lebt, kann nur diese Länder verlassen. Die Emigration und Flucht wird dann für den, der Mittel genug hat, zur lebensrettenden Notwendigkeit. Der große Rest der Bevölkerung wird sich ducken, wird schweigen und hoffen, verschont zu bleiben oder sich zum verbrecherischen Mittun entscheiden. Wie im Schneeballsystem wird die Lawine dann ins Verderben führen. Das Ausgrenzen nach innen und außen, das national- patriotische und völkische wird sich gewaltsam Bahn brechen. Das Recht des Stärken, „America first“, „Hungary first“, „Turkey first“ wird sich wieder für eine Zeit lang etablieren. Diesem Gedanken per Krieg Nachdruck zu verleihen, wird die logische Konsequenz sein.

Lion Feuchtwanger beschrieb die Entwicklung zum Holocaust bevor dieser Realität wurde. Ein Blick in diesen erzählerisch fesselnd dargestellten Weg in den Abgrund, auf den sich Deutschland bewegte, sollte heute den Blick über den Tellerrand ermöglichen. Vielleicht hilft es, das gute Leben in der Demokratie zu erhalten. 

Update vom 04.10.18: Bertelsmann-Studie zum Thema Populismus

Version vom 04. Oktober 2018 – wieder eingestellt nach Serverumzug

Ergänzung vom 12. Mai 2026

Bertelsmann-Studien zum Thema Populismus – Ausgaben 2017 bis 2023

Mehr Koalition wagen 2023 veröffentlicht: Direkt zur Studie
Populismusbarometer 2020 veröffentlicht: Direkt zur Studie
Besser als ihr Ruf 2019 veröffentlicht: Direkt zur Studie
Populismusbarometer 2018 veröffentlicht: Direkt zur Studie
Populäre Wahlen 2017 veröffentlicht: Direkt zur Studie
Die Stunde der Populisten 2017 veröffentlicht: Direkt zur Studie

27. Januar 2023
von JvHS
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Vom Geschichtsbewusstsein der „Leistungsträger“ der Nation – Lindners Ehefrau Franca Lehfeldt und die RAF

Zum Jahrestag der Befreiung der Überlebenden durch die Rote Armee (Russland) berichtet die Ehefrau von Christian Lindner, Franca Lehfeldt, Chefreporterin Politik beim Springersender „Welt.tv“ am 27.01.2023 dort folgendes: 

„Heute vor 78 Jahren befreite die Rote Armee Fraktion (RAF) die Überlebenden des deutschen Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz im besetzten Polen…“

Eine freudsche Fehleistung der Vertreterin der „Leistungsträger der Nation“ nach FDP-Vorstellungen? Ein Schelm, der unterstellt, dass die Assoziation, „Rote Armee =Russland=bolschewistisch=links =Terrorbande RAF“ zu dieser grandiosen Fehlleistung geführt hat.

Zur Erinnerung: 

Das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz, Symbol für Terror und Verbrechen gegen die Menschlichkeit

 

 

25. August 2022
von JvHS
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Documenta 15: Skandalfortsetzung – und die Notwendigkeit zum Diskurs über „Kunst zwischen Realität und Idealität“

… zwischen den Fünfjahres-Abstand der „documenta Ausstellungen“ (Klaus Paier – Photo: Rehgina a.k.a. Regina Weinkauf / Copyrighted free use)

Nach der Documenta 15 ist vor der Documenta 16! Sofern das Format „documenta“ in fünf Jahren noch vorhanden ist, sollte der Diskurs geführt werden zu den Themen:  „Was ist Kunst?“ und „Welche Aufgabe hat die documenta zukünftig“

Was für die documenta 15 in diesem Jahr handlungsleitend für die Macher „Ruangrupa“ und die kritisierte Gruppe Taring Padi mit ihrem Machwerk „People’s Justice“ war, fluktuiert zwischen wollen, aber nicht können, sowie zwischen Vorurteil und unkommentiertem Kuratieren gruppenbezogener Menschenfeindlichkeits–Darstellungen. 

Das Unbehagen an der documenta 15 wirkt weiterhin aufgrund der Vermischung und Verwischung historischer Fakten der Unmenschlichkeit (Holocaust) mit naiver Interpretation vermeintlich berechtigter Kritik am Handeln des Staates Israel und den narrativen Interpretationen der Auswirkungen des Neoliberalismus in Form von Armut und Unterdrückung.

Unter dem Stichwort des Antisemitismus in den bildnerischen Produktionen und der misslungenen Aufarbeitung dieses Skandals – auch weil durch die Macher der Documenta 15 „Ruangrupa“ nach dem Prinzip „abstreiten, abwiegeln, aussitzen“ verfahren wird, wie Sascha Lobo formulierte. 

Wenn die Absicht der Macher gewesen wäre, die jeweilige inhaltliche Komplexität möglichst umfassend zu durchdringen und das Kuratieren (einordnen, bewerten, auswählen, freigeben) – der Machwerke einerseits und der Kunstwerke andererseits – als eine Teilhabemöglichkeit an künstlerischen und diskursiven Prozessen zu verstehen, dann wären die Skandale, die der „Spiegel-Lobo“ nochmals in seinem Beitrag aufzählt, nicht entstanden. 

Die comicartigen und graffitinahen Collagen des Banners „People’s Justice“ und weiterer Machwerke, die sich der Kritik, antisemitische Bild-Inhalte zu zeigen, durch heimliches Überkleben zu entziehen suchten, macht das pubertäre Verhalten der Künstler- und Machergruppe umso deutlicher. Dem Konzept „documenta“ ist nicht nur ein Image-Schaden entstanden, sondern diese Form der Bestandsaufnahme und des Ausblicks auf die Entwicklung der globalen Kunst ist grundsätzlich in Frage gestellt worden! 

Nachstehend wird auf die Artikel zum Thema „documenta 15“ auf diesem Blog verwiesen. Eine chronologische Auflistung erfolgt nach dem Veröffentlichungs-Datum. 

Documenta 15 und das Banner des Anstoßes – Wann sind politische Bildinhalte auch Kunst?
„People’s Justice“ – ein Banner ethisch und ästhetisch außer Rand und Bann? – documenta Machwerk von Taring Padi verhüllt!
documenta 6 – ein exemplarischer Rückblick auf den thematischen Schwerpunkt „Medialisierung“
Documenta als Werkkunstschau zwischen Aversion und Akzeptanz – Anspruch auf Übersicht der Gegenwartskunst noch erfüllbar?
Documenta 15 – Kontextualisierung statt Diskurs – Vorurteile statt aufgeklärter Versöhnung?

 

 

28. Juli 2022
von JvHS
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Documenta 15 – Kontextualisierung statt Diskurs – Vorurteile statt aufgeklärter Versöhnung?

Ausstellungsplane Documenta 15 – Stein des Anstoßes

Das Banner des Anstoßes! Das Recht auf Kunstfreiheit findet seine Grenzen! Denn Freiheit ist immer dort begrenzt, wo es die Freiheit und die Rechte der anderen beeinträchtigt. Und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit – versteckt in bildnerischen Produkten – ist nicht hinnehmbar. 

Die diesjährige documenta 15 kommt aus der Spirale gegenseitiger Vorwürfe und Anschuldigungen nicht hinaus. Dass nun Politiker fordern, die Kunst der documenta 15 mit einem Monitoring und einer umfassend begutachtenden Bewertung zu durchforsten, gibt dem Diskurs und der teilweise berechtigten bisherigen Kritik einen besonderen Zungenschlag. Das Feld der Kunst zur Profilierung der Politik zu nutzen, wird nicht unbedingt zur Qualitätssteigerung des Diskurses beitragen. Es hat eher den Beigeschmack, dass die Beurteilung, was gültige und förderberechtigte Kunst ist, nur durch die Politik bewertet werden könne, weil diese auch über die Fördergelder bestimmen. Sozusagen dem Mantra folgend: wer zahlt, bestellt auch die Kunst. Und wenn die Kunst oder was und wie sie inhaltlich zu sein hat, einer solchermaßen wertenden Selektion nicht standhält, der streichen die Herren der Politik dann die Förderung.

„Kunst ist die Signatur der Zivilisation.“ (Jean Sibelius, 1865-1957)

Der Kern der Debatte und die Kritik an der documenta 15 kreist um das Thema, dass platter Antisemitismus in Machwerken zum Ausdruck gebracht wurde, jedoch die Macher dieser Werke in keiner Weise einem ästhetisch-künstlerischen Anspruch gerecht würden. Wer dem Aphorismus Sibelius` folgt, ist Kunst nur in Gesellschaften zu finden, die den Merkmalen der Zivilisation gerecht werden. Was aber setzt Zivilisation voraus? Das sesshafte Leben mit Arbeitsteilung, in Städten lebend und mit einer demokratischen Verfassung als Gesellschaftsvertrag das Zusammenleben bestimmend sein soll? Ist ein Gesellschaftsvertrag nur dann als solcher zu bezeichnen, wenn dieser Freiheit, Gleichheit und Solidarität in demokratischer Ausprägung umfasst? Sind in Diktaturen ästhetische Produktionen nicht als Kunst benennbar?

„Kunst ist Magie, befreit von der Lüge, Wahrheit zu sein.“ (Theodor W. Adorno) 

Oder bedingt Adornos Aussage, dass Kunst das Faszinierende und das Erhabene enthalten muss, um das Machwerk dann Kunst nennen zu dürfen? Kann das entfernte Werbebanner auf der documenta 15 deshalb nicht Kunst genannt werden, weil es weder magische Anziehungskraft versprüht, noch ästhetischen Ansprüchen genügte? Ist die Kategorisierung Adornos tatsächlich die, dass Kunst keine objektive Wahrheit und faktische Sachlichkeit beinhalten muss, um erst dann als Kunst anerkannt zu werden? Adorno argumentierte für die Anerkennung der Kreativität, die erst spät und oft nach dem Tod der Künstler als Kunst akzeptiert wurde. Als Beispiele dienen die letzten 150 Jahre mit den Kunstrichtungen: Impressionismus, Kubisten, Futuristen, Expressionisten, Neue Sachlichkeit und Avantgardisten oder mit den Werken von Pablo Picasso, Georges Braque, Max Beckmann, Franz Marc, Paul Klee und Piet Mondrian bis hin zur documenta 1 (Vergangenheitsbewältigung und Aufarbeitung der „Entarteten Kunst“ der Nazis) und documenta 2 (Kunst nach 1945), welche sich inhaltlich dem Zustand der Kunst in den 1950er Jahren widmeten.

„Kunst ist Anklage, Ausdruck, Leidenschaft!“ (Günther Grass) 

Die Definition von Günther Grass dürfte als Maßstab, was Kunst ist, auch für das entfernte Banner bei oberflächlicher Betrachtung vermeintlich zutreffend sein. Wer die Grafiken von Grass betrachtet und zugrunde legt, wird feststellen, dass über den von ihm verfassten Dreiklang hinausgehend eine andere ästhetische Ausstrahlung vorhanden ist, die gerade im entfernten Banner-Plakat nicht vorzufinden ist. 

„Kunst ist ein humanitärer Akt. Kunst sollte in der Lage sein, die Menschheit zu beeinflussen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.“ (Jeff Koons) 

Unter diesem formulierten Anspruch dürfte die meisten Kunstwerke wohl deshalb nicht Kunst genannt werden, wenn das politische und handlungsleitende Ziel nicht erkennbar ist. Das aber würde deutlich zu kurz greifen. Zu handeln, wie gehandelt wurde, ist bei der documenta 15 – wie bei jeder bisherigen auch – vom Zeitgeist und den aktuellen Themen der Gesellschaft, sowie den Personen in der Leitung und Organisation bestimmt.

„Kassel, wir haben ein Problem!“ Die Künstler als kreative, anarchische Rebellen sind nicht mehr sichtbar; aber als Bürger sind sie auch nicht mehr Demokraten. Diesen Spagat haben Taring Padi, protegiert von den Machern der documenta 15 namens „Ruangrupa“, nicht hinbekommen. 

Documenta 15 und das Banner des Anstoßes – Wann sind politische Bildinhalte auch Kunst?

In jeder documenta ist immanent das Ringen um die Übersicht der aktuellen Kunst enthalten. Auch das Ringen darum, welche gesellschaftliche Matrix wirksam ist. Kunst ist immer das Reibeisen, das dem aktuellen Zeitgeist Profil verschafft, ihn herausarbeitet und eine neue Dynamik künstlerischer Strömungen entwickelt. Möglich bleibt aber auch, dass die Kunst trivialisierend verdünnt wird. Die Krise der diesjährigen Documenta zeigt sich auch darin, dass diese Kunstschau ihren Nimbus als anerkannte und nicht antastbare Institution längst verloren hat.

„People’s Justice“ – ein Banner ethisch und ästhetisch außer Rand und Bann? – documenta Machwerk von Taring Badi verhüllt!

Die documenta 15 hat die Tendenz, eine Kunstvermittlung mit beschränkter Haftung zu werden und wie Hans Platscheck 1977 formuliert: „.. es sind stets die Planungsstäbe, die einem die documenta verekeln.“ (Harald Kimpel „Documenta – Mythos und
Wirklichkeit“, S. 180)

Documenta als Werkkunstschau zwischen Aversion und Akzeptanz – Anspruch als Übersicht der Gegenwartskunst noch erfüllbar?

 

30. Juni 2022
von JvHS
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Magie der Makro-Ökonomie schwindet aufgrund der wackligen Eckpunkte Inflation und Arbeitsmarktkrise

Wie weit einige Damen und Herren der neoliberalen Agenda in ihren Funktionen (z.B. als EZB- Präsidentin und als „Gehalts-und Verhandlungsexpertin“ aus dem Bereich der Beraterclique und Entscheider) von der Realität der meisten Lohn- respektive Gehalts-Einkommensbezieher entfernt sind, zeigen sowohl die diametral entgegengesetzte Äußerungen dieser Damen wie die Scheuklappen geleitete „Strategin“ des Gehaltsmarktes einerseits und die EZB-Präsidentin zum Thema : Inflation andererseits.

Armutssteigernde Inflation und ihre Wirkung auf die Lebensgestaltung der meisten Menschen kann nicht ohne über den Tellerrand der eigenen „Experten“-Welt hinausschauend ermessen werden. Wenn die Parameter der Volkswirtschaft sich ändern, weil sowohl die Arbeitswelt wie die Geldpolitik seit Jahrzehnten in die  falsche Richtung gelenkt wurden, dann sind die Stellschrauben für eine  ausgewogene Volkswirtschaft neu zu denken und zu stellen.

Ansätze sind in den  Konzeptionen des erweiterten magischen Vielecks vorhanden, indem die wachstumsorientierte Wirtschaftspolitik durch eine auf Nachhaltigkeit  ausgerichtete ersetzt werden soll, in der auch die Nachfrageorientierung – was  braucht der Mensch wirklich (Wohnung, Alterssicherung, Bildung und Armutsvermeidung durch staatliche Steuerung) – zum Tragen kommen muss.

Während die FDP in der Ampelkoalition noch immer dem Theorem des „ewigen Wachstums“ und der  „angebotsorientierten“ Wirtschaftspolitik anhängig ist, ergänzend flankiert durch einen privatisierten Arbeitsmarkt und den – die Agenda 2010 nacheiferndem – Niedriglohnmarkt als Pseudo- Wachstumseffekt, hat nicht nur John Meynard Keynes schon nach der Weltwirtschaftskrise 1929-1932 nachgewiesen, dass diese Wirtschaftspolitik den Arbeitsmarkt und die Lohn- Einkommensbezieher schwächt und die Arbeitslosigkeit vertieft. Keynes nachfrageorientierte Steuerung der Wirtschaftspolitik und die Stärkung der Gewerkschaften durch Mitbestimmungs-Modelle wurden durch die neoliberale Agenda wieder ins Gegenteil verkehrt.

Mit Thatcher (GB), Kohl (D) und Reagan (USA) wurde die Umverteilung genutzt, um die vorhandenen Sozial- und Gesundheitssysteme  zu verändern, mit der Folge, dass die Teilhabe in der Gesellschaft für viele Betroffene reduziert wurde. Zu Beginn der 1980er Jahre setzten die genannten Staaten die wachstumsorientierte Wirtschaftspolitik rigoros durch. Damit verbunden  waren die Privatisierungen der wichtigsten gesellschaftlichen Bereichen: Gesundheit, Wohnen, Alterssicherung, Infrastruktur (Verkehr, Energie und Daten) und Arbeitsmarkt.

Der Gedanke der Konzentration auf das Wirtschaftswachstum wurde ohne Steuerungselemente des  Konjunkturverlaufs von den neoliberal-konservativen Regierungen rigoros umgesetzt . Die reine angebotsorientierte Wirtschaft, die mit immer neuen Produkten – ohne Nachhaltigkeit und auf Verschleiß programmiert- – immer mehr „Schrott“ produzierte, ließ zugleich die globale Suche nach immer neuen Produktionsstandorten ausweiten, um die dortigen Billigarbeitskräfte (bis hin zu Kinderarbeit und unmenschlichen Arbeitsverhältnisse durch Sub-Sub-Unternehmertum) zur Maximierung der Gewinne zu nutzen. Als die Maximierung der Gewinne durch Finanzprodukte noch deutlicher gelang, wurden Investitionen in die Produktions-Wirtschaft vernachlässigt. Lieferkettenabhängigkeit heute sind eine der Folgen dieser Entwicklung. Inflation eine weitere negative Seite der globalen Abhängigkeit. Die so entstehende wachsende Spaltung der Gesellschaft in ARM und Reich war voraussehbar.

Eine Wirtschaftspolitik, die es sofort zu korrigieren galt und gilt durch eine wirtschaftspolitische Strukturpolitik durch mehr Steuergerechtigkeit und eine Umverteilung der Belastungen durch Einbezug der Vermögenden war und ist notwendig. Konzepte dazu wurden schon 2013 vom „Denkwerk Demokratie“ formuliert. Bei  der von Pandemie und Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine bedrohten Wirtschaft sind die  damals vorgestellten Konzepte einer Prüfung wert.

Werkberichte der „Denkwerk-Demokratie“ stehen nachfolgend zur Verfügung unter:

Werkbericht 1
Werkbericht 2
Werkbericht 4
Werkbericht 7
Werkbericht 8

Zugleich geben diese Berichte eine Möglichkeit, die Einstellung der Parteien Die Grünen und SPD zu hinterfragen, was von diesen Ansätzen heute noch übrig bleibt und der neoliberalen FDP weiterhin zum Fraß hingeworfen wurde. 

 

26. Juni 2022
von JvHS
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documenta 6 – ein exemplarischer Rückblick auf den thematischen Schwerpunkt „Medialisierung“

Die „documenta“ zu durchwandern, live Atmosphäre und Werke von rund 650 Kunstschaffende in einem ganz besonderen Rahmen von Innen- und Außerausstellungen zu erleben, das gab es für mich erstmalig 1977 mit der documenta 6. Mit zwei Staatsexamina in der Tasche, die Lehrerlaubnis für Kunst darin enthalten, war die Begegnung mit Künstlern direkt vor Ort von besonderer Erlebnisqualität geprägt.

Eine kunstsoziologische Abschlussexamensarbeit zum Thema „Reale und utopische Kommunikationsformen des Stadtlebens“ war erfolgreich und mit „sehr gut“ bei einem Hochschullehrer und teilnehmenden Künstler (Joachim Bandau) zuvor abgelegt worden. Fotografie und Zeichnung waren kunstpraktische wie dokumentarische Mittel und gestaltende Bestandteile der Arbeit. 

Die documenta 6 war von besonderem Interesse für mich, da ihr Schwerpunkt unter dem Stichwort „Medialisierung“ stand. Damit wurde nicht nur die Mediengesellschaft thematisiert, vor allem waren Fotografie und Film (Video) als Kunstform und Gestaltungsmittel in den Fokus der Aufmerksamkeit gestellt worden. 

Erstmalig vertraten mit Willi Sitte, Bernhard Heisig, Wolfgang Mattheuer und Werner Tübke und den Bildhauern Jo Jastram und Fritz Cremer sechs Künstler aus der DDR die Kunst des „Sozialistischen Realismus“ auf der documenta. 

Nicht nur im Mittelpunkt der Feuilletons der deutschlandweiten Printmedien standen die Arbeiten „Der vertikale Erdkilometer“ von Walter De Maria, das „Terminal“ von Richard Serra und die „Honigpumpe am Arbeitsplatz“ von Joseph Beuys in der Rotunde des Fridericianums. Nachhaltigkeit und Sichtbarkeit reduzierten sich bei Walter De Maria auf eine kleine Plakette im Boden des Friedrichplatzes in Kassel; bei Beuys „Honigpumpe“ nach der temporären Installation in Fotografie und Film. 

Dem Happening-Charakter der genannten Kunstaktionen ist Nachhaltigkeit nur in der besonderen Form von Film und Foto gegeben. Ein ästhetischer Dialog wird lediglich für einen kurzen Zeitabschnitt ermöglicht. Danach steht lediglich die zweidimensionale Wahrnehmung zur Verfügung. Eine eher negative Reduzierung auf ein völlig anderes Medium. Ob dies dem Anspruch einer dialektischen Kommunikation genügen kann, mag eine immanente Eigenart der Environments sein. Die Ausweitung der Exponaten-Präsentation zum Environment war dennoch ein Hauptansatz der documenta 6-Konzeption. 

Hierzu schreibt denn der Kenner der Documenta-Geschichte und Wissenschaftler beim documenta-Archiv, Harald Kimpel, in seinem Buch „documenta – Die Überschau“ zur documenta 6: 

Bildzitat Harald Kimpel zur documenta 6/1977: Beuys „Honigpumpe am Arbeitsplatz“

Das Selbstdarstellungspotenzial der Beteiligten ließ auch 1977 nicht auf sich warten. Joseph Beuys nutzte bei der Eröffnung die Übertragung des Hessischen Rundfunks die Gelegenheit, seinen Kunstbegriff live zu erläutern ebenso, wie Nam June Paik (Videokünstler) mit Charlotte Moorman, um ein „musikalischen Fluxus-Ritual“ vorzuführen, wie Kimpel formulierte. 

Scheinbar hat wohl jede documenta ihre Skandale und Skandälchen. Zur documenta 6 gehörten die Zerwürfnisse der für die Ausstellungskonzeption der Abteilung Bilder verantwortlichen Klaus Honnef und Evelyn Weiss mit Manfred Schneckenburger, künstlerische Leiter der documenta 6, die ihre Ämter niederlegten. Markus Lüppertz und Georg Baselitz zogen ihre Bilder aus der Ausstellung ebenso zurück, wie Gerhard Richter. Die Befindlichkeitsskala war bis zum Anschlag auf Rot gestellt wegen der geplanten Umhängeaktion ihrer Bilder und damit nicht akzeptabler „Nachbarschaften“ mit weniger exponierten Künstlern, was für die genannten „Cracks“ und „Kings“ aus ihrer Sicht nicht zumutbar war.

Die Retrospektive zur Geschichte der Fotografie von den Anfängen im 19. Jahrhundert bis zur aktuellen Gegenwart war ebenso konzeptionell, qualitativ und substantiell gelungen, wie der Überblick zu den ausgestellten Handzeichnungen der 1960er und 1970er Jahre.

Nicht zuletzt war die Laser-Show von Horst H. Baumann jede Nacht mit dem gespannten Lichtnetz aus roten und grünen Strahlen ein Erinnerungsbaustein der documenta 6, die bis heute traditioneller Bestandteil geblieben ist und damit einen „Laser-Lichtbogen“ schon 1977 in die Zukunft geworfen hat. 

Ergänzung vom 25.06.2022 

Was von der documenta 15 bleiben wird, dazu gehört der Skandal um die Exponate des indonesischen Künstlerkollektivs „Taring Padi“ und des darin sichtbaren Antisemitismus. Ein plakativer und wenig gelungener Propaganda Versuch. Decodierbar wird im Verhalten der Gruppe im Vorfeld wie auch in den Versuchen, die „bildnerischer Kuh“ vom Eis zu holen, dass zu viele blinde Flecken auf das gesellschaftliche Umfeld des indonesischen Staates und vor allem eine rassistische Gesinnung (Antisemitismus) sichtbar geworden sind. Eine große Mitverantwortung liegt bei den Kuratoren und der documenta-Leitung, die in ihrer Beratungsarbeit bei diesem Thema völlig versagt haben.

Ein wenig Einblick in die bildmäßige Verarbeitung der Inhalte  lassen auch die vier Fotos in der FAZ zu, von denen Lars Hartmann (alias bersarin) sagt: 

„Daß ich solche intervenierende Kunst für trivial halte, brauche ich nicht extra dazuzusagen. Zumal solch erweiterter Kunstbegriff am Ende zu einer Entleerung von Kunst überhaupt führt und sich die Sache auf dem Bastel-Bau-und-Heimwerker Niveau ansiedelt: jeder kann irgendwie irgendwas und kann es eben doch nicht.“ 

Und auch wenn er sich diese vier in der FAZ gezeigten Fotos von Werken ansehe, bleibe er skeptisch! 

Zum Thema documenta 15 auf diesem Blog: hier und hier!

Ergänzung vom 26.06.2022

Ein Kommentar von Floriane Azoulay, Direktorin der Arolsen Archives, zu den antisemitischen Bildern, die das indonesische Künstlerkollektiv Taring Padi auf der documenta 15 zeigte. 

Die Arolsen Archives sind das internationale Zentrum über NS-Verfolgung mit dem weltweit umfassendsten Archiv zu den Opfern und Überlebenden des Nationalsozialismus. Die Sammlung mit Hinweisen zu rund 17,5 Millionen Menschen gehört zum UNESCO Weltdokumentenerbe. Sie beinhaltet Dokumente zu den verschiedenen Opfergruppen des NS-Regimes und ist eine wichtige Wissensquelle für die heutige Gesellschaft.

 

 

 

25. Juni 2022
von JvHS
Kommentare deaktiviert für Documenta als Werkkunstschau zwischen Aversion und Akzeptanz – Anspruch als Übersicht der Gegenwartskunst noch erfüllbar?

Documenta als Werkkunstschau zwischen Aversion und Akzeptanz – Anspruch als Übersicht der Gegenwartskunst noch erfüllbar?

Zerrbild der Außenaussstellung Documenta 6 /1977

Was ist die alle fünf Jahre stattfindende documenta inhaltlich und formal? Eine Werkkunstschau, somit eine zur Schau gestellte Übersicht, Einsicht oder Ansicht von künstlerischen Werken? Oder doch nur ein 100 Tage dauerndes Spektakel mit jeweils anderen Schwerpunkten, ausgewählt von Kuratoren und künstlerischen Leitungen, deren Subjektivität der Auswahlkriterien immer im Diskurs mit der Fachwelt und der Kasseler Bevölkerung verteidigen, durchsetzen oder zurücknehmen steht? 

Was 1955 mit der Vergangenheitsbewältigung – gleichzeitig auch das Kernthema der documenta 1 – begann, war verbunden mit dem Ziel, eine Korrektur des „Sündenfalls“ der Nazi-Aktionen vorzunehmen – die die Kunst der Modernen als „entartet“ diffamiert und ideologisch motiviert zu vernichten begonnen hatte. Realisiert wurde dieses Ziel in der ersten documenta, mit dem Anspruch, die Kunst der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in ihren bedeutendsten Werken zu präsentieren. Wie sich auch in den nächsten fast sieben Jahrzehnten bis zu documenta 15 zeigen sollte, klaffte nicht selten eine Lücke zwischen Anspruch und Realisierung.

Auch wenn die Vergangenheitsbewältigung 1955 im Mittelpunkt des Ausstellungskonzeptes stand, war die Grundkonzeption schon ausgerichtet auf den Anspruch, eine Übersicht der Gegenwartskunst zu gewährleisten. Das jedoch impliziert, die Kunstrichtungen in ihren Entwicklungen zu erfassen, die Veränderungen der ästhetischen Wahrnehmungen begrifflich zu erfassen und im Diskurs die zeitgeistigen Einflüsse und kunsttheoretischen Ansätze miteinander zu verbinden und terminologisch zu vereinbaren. 

In diesem Anspruch ist das oftmalige Scheitern – sichtbar an den Skandalen – immanent schon enthalten. Die nunmehr fast sieben Jahrzehnte von Innen- und Außenausstellungen ist auch eine Geschichte des öffentlichen Nachdenkens über die Inhalte, Motive und Realisationen von Kunst und Kultur, von Anregung und Aufbruch, von Akzeptanz und Ablehnung. 

Vor allem die Außenausstellungen mit ihren Objekten sind sowohl für die Stadtentwicklung Kassels wie auch für die kulturelle und ästhetische Weiterentwicklung der Menschen in und über Kassel hinaus von Meinungen und Reaktionsformen gekennzeichnet. 

So definierte Harald Kimpel 1992 – noch in der Funktion als wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Kulturamt der Stadt Kassel – in seinem Buch die jeweiligen Reaktionsstufen von der Aversion über Duldung, Gewöhnung, Gleichgültigkeit bis zur Akzeptanz. Ein nachvollziehbarer Ansatz. 

An einem exemplarischen Beispiel – >>Rahmenbau<< von Haus Rucker-Co (Künstler-Gruppe aus Österreich/ Ein riesiger Rahmen, kombiniert mit einem weiteren kleineren Rahmen ergibt eine Begrenzung für den Blick auf das Fulda Tal. Zuvor muss ein dazu gebauter Steg betreten werden!) – macht Kimpel nachvollziehbar, was nach den 100 Tagen nicht selten mit Außenausstellungsobjekten zu bewerkstelligen ist. Da ist vor allem auch die Duldung oft eine Frage der Finanzierung der Folgekosten!

Die Künstlergruppe Haus-Rucker-Co beschäftigte sich mit den Problemen des städtischen Lebens und der Stadtgestaltung. Ziel dieser Stahlkonstruktion als provisorische Architektur war, „als Vermittlungsform zwischen Architektur und Skulptur den Umraum zu markieren und durch Nutzung eine bewusste Auseinandersetzung des Nutzer in seiner Rolle als Rezipient mit seiner Umwelt zu provozieren“. (Kimpel)

Ironisch kommentierte Peter Sager im Zeitmagazin 32/1977, S.5 diesen Anspruch mit:

„Den monumentalen Ausguckbetreten die Schaulustigen in der Erwartung, endlich im Rahmen der Kunst das gelobte Land zu erblicken und nicht nur das Fulda-Tal. Manche strengen sich an wie beim Augenarzt, um die verheißenen >neuen Wahrnehmungsfelder< zu entdecken. Einige behaupten: Nichts zu sehen. Manche freilich kehren von diesem Instrument zur allmählichen Verfertigung der Bilder beim Sehen zurück mit einem medienspezifischen Flackern in den Augen.“ 

Der aversive und ablehnende Augenblick kommt in diesem Beispiel nach dem Ende der documenta 6 zum Tragen. Ein Sturm im November 1977 hatte Spuren an dem Objekt hinterlassen, weil Teile der Konstruktion hinunterhingen. Dieser Zustand war auch noch nicht im Januar 1978 behoben. Da selbst die Absperrbänder aus Plastik schon teilweise zerstört waren, begann die Diskussion um die Wirkung als „negative Visitenkarte“ für die Künstlergruppe wie für die Stadt Kassel. Die Restauration des schon rostenden Rahmens dauerte bis Herbst 1978 an. Die Finanzierung übernahm ein Finanzinstitut. Eine Schenkung an die Bundesgartenschau –ebenfalls in Kassel – integrierte das Objekt dann in dieses Konzept zu Beginn des Jahres 1979. Ende 1979 stürzte dann der kleine Rahmen ab. Eine erneute Reparatur ließ das Objekt dann am gleichen Platz stehen – und wohl im Rahmen der Wahrnehmungssättigung – das ehemalige „Kunstobjekt“ verdrängen im Bewusstsein der Parkbesucher. Verdrängung ist wohl kaum Akzeptanz, vielleicht noch Gleichgültigkeit, zumindest aber Gewöhnung und Nichtmehr-Wahrnehmung. 

Die künstlerischen Leitung der documenta 9 wollte dann nach 15 Jahren dieses Exponat abbauen lassen. Aber selbst am Ende der 9ten documenta stand das Ding immer noch.

Nichts ist so haltbar wie ein Provisorium – selbst als „Provisorische Architektur“!

 

21. Juni 2022
von JvHS
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„People’s Justice“ – ein Banner ethisch und ästhetisch außer Rand und Bann? – documenta Machwerk von Taring Badi verhüllt!

Stein des Anstoßes auf der Documenta 15

Recht auf Kunstfreiheit findet seine Grenzen! Denn Freiheit ist immer dort begrenzt, wo es die Freiheit und die Rechte der anderen beeinträchtigt. Und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit – versteckt in bildnerischen Produkten und als „Kunst“ bezeichnet – ist nicht hinnehmbar.

Documenta 15 und das Banner des Anstoßes – Wann sind politische Bildinhalte auch Kunst?

Im Rahmen der documenta 15 ist es mit dem Werk „People’s Justice“ der Gruppe Taring Padi, protegiert von den Machern der documenta 15 namens „Ruangrupa“, zu einem Konflikt gekommen, der die Frage sowohl nach der Handlungsverantwortung aufwirft, wie nach der Beantwortung der Frage „Was darf Kunst?“

Wenn es im Kunstbereich zu Konflikten kommt, berufen sich Künstler und Kunstagenten gerne auf das Recht der Meinungs- und Kunstfreiheit. Wie und in welcher Weise ist das verhüllte Plakat als „Bild des Anstoßes“ davon betroffen? Das Verhältnis von Ethik und Ästhetik ist ein weiteres Feld, das die kollektiv geäußerte Kritik betrifft, die mit zum Sanktionsbeschluss geführt hat. Den hat das Kollektiv nach eigener Darstellung selber getroffen. 

»Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei«, heißt es im Grundgesetz der BRD (Art. 5, Abschnitt 3.) 

Dazu heißt es bei Dagmar Fenner in ihrem Werk „Was kann und darf Kunst?“: 

Zitat: In positiver Hinsicht wird damit allen Menschen das Recht auf eine künstlerische Betätigung im Werkbereich, das heißt in der Sphäre des Schaffens, sowie auf die Darbietung und Verbreitung von Kunstwerken im Wirkbereich zugesichert.  Unter »Wirkbereich« wird bei dieser aus der Rechtsprechung stammenden Unterscheidung die Darbietung und Verbreitung der Kunst in der Öffentlichkeit verstanden.

Weil Kunst meist erst durch die Kenntnisnahme durch Rezipienten ihre Wirkung voll entfalten kann, wird auch dieser Bereich grundrechtlich geschützt. Negativ betrachtet enthält die Kunstfreiheit das Verbot, auf die künstlerische Tätigkeit eines Menschen einengend oder reglementierend einzuwirken: 

Weder der Staat noch Einzelpersonen dürfen einem Kunstschaffenden bestimmte Stilrichtungen, Inhalte oder Methoden vorschreiben und andere zu unterdrücken versuchen. Analog dazu bedeutet die Forschungsfreiheit, dass niemand einem Wissenschaftler anordnen darf, was als Wahrheit zu gelten hat und mit welchen Methoden diese zu erforschen sei. Weder das Recht auf Forschungsfreiheit noch das Recht auf Kunstfreiheit gelten aber absolut. Sie stellen keineswegs einen Freibrief an die Forscher oder Kunstschaffenden dar, alles Beliebige mit allen denkbaren Methoden zu erforschen oder künstlerisch darzustellen. Juristisch gesehen findet das Recht auf Kunstfreiheit genauso wie das Recht auf Forschungsfreiheit seine Grenzen da, wo es mit anderen gesetzlich geschützten Grundrechten kollidiert“ Zitatende

„Es handelt sich dann um eine direkte Handlungsverantwortung gegenüber der vom Handeln in der aktuellen Situation Betroffenen sowie vor der ganzen Diskursgemeinschaft als moralischer Beurteilungsinstanz“, würde Fenner den aktuellen Vorgang werten.

Es sind keine Streubomben, wie in Putins Krieg, jedoch bewegt das „Kunst“-werk die Mitmenschen und produzierte Signale, die kommunikativ wirkten. Denn die in dem Werk eingearbeiteten Botschaften sind nicht in einem inhaltlich luftleeren Raum entstanden, sondern reagieren auch in diesem Beispiel auf Probleme ihrer – der Künstlergruppe – Zeit und ihres Lebensumfeldes. Die zeitgeistige Darstellung des Lebensumfeldes ist allerdings erkennbar naiv und höchst subjektiv – um nicht zu sagen ideologisch verbrämt – wiedergegeben. Jedoch ist Kritik an bestimmten Lebens- und Verhaltensweisen, Gesellschaftsformen oder politischen Systemen ohne kritische Distanz und globalem Blick auch deshalb in die Hose gegangen. 

Wie alle anderen Menschen tragen auch Künstler die Verantwortung für die Folgen ihres Handelns. Juristisch sind die Zeichen und Symbole in dem auch ästhetisch wenig überzeugenden Exponat mit antisemitischer Bedeutung aufgeladen. Da keine dialektische Codierung erkennbar ist, die eine künstlerische Hinterfragung der genutzten Symbole aufzeigen würden, ist die Sanktionshandlung wohl eine legitime Reaktion der weiteren Kuratoren.